Abschied von Abu Dhabi: Ma’a Salama

Abschied von Abu Dhabi - www.expatmamas.de - Rückkehr Gastbeitrag Antje DöhringOder: Man badet nie zweimal im selben Fluss

Ein Gastbeitrag von Antje Döhring

Das hier ist mein Abschieds-Beitrag. Abschied zumindest von den wahrlich zur Zweitheimat gewordenen Vereinigten Arabischen Emiraten und Abu Dhabi. Abschied auch von meinem Blog, der mit unserer Rückkehr nach Deutschland nun endet. Ich werde die Texte jedoch stehenlassen – in der Vergangenheit scheinen sie Manchem aus nah und fern zur Information oder auch Unterhaltung gedient zu haben. Das sollen sie gern auch weiterhin.

Leeres Haus, voller Terminplan. Abschiede, Abschiede, Abschiede. Expat-Leben eben.

Abschied vom Haus, vom Compound, vom Auto. Von der Schule, vom Fitnessstudio, vom warmen Meer, von der endlosen Dünenlandschaft der Rub Al-Khali. Vom Blick aus dem Fenster vor meinem Schreibtisch auf die Bougainvillea gegenüber. Vom Lieblingssupermarkt, der Lieblings-Mall, dem Lieblingspark, der Lieblings-Bar, den Lieblingsgebäuden, dem Lieblingsstrand. Viele „Noch ein letztes Mal …“-Wege wurden gegangen: „Fotos“ machen – mit den Augen und allen anderen Sinnen.

Abschied von guten Freunden. Doch auch anderen liebgewordenen Menschen, von denen man manchmal kaum den Namen kennt, mit denen man aber regelmäßig im Vorbeigehen ein Lächeln tauscht. Da steht man dann – auf der eigenen Farewell-Party, in der Schule zwischen Tür und Angel oder im Supermarkt – man verabschiedet sich diesmal „für immer“, und denkt: „Wie gern hätte ich sie/ ihn näher kennengelernt; mehr Zeit verbracht.“ Aber ach …
Allerdings, man weiß ja nie! Wie oft schon haben wir jemanden in dem einen Land zurückgelassen (oder die Person uns) – nur um sich dann in einem ganz anderen wiederzutreffen?! Dass moderne soziale Kommunikationstechniken es heute leichtmachen, die anderen nicht ganz aus den Augen zu verlieren, manchmal auch Kontakte wieder zu intensivieren, sich zu besuchen – das macht den sich ausbreitenden Abschiedsschmerz zumindest etwas leichter.

„Was ist es, was für dich einen Ort wohnlich macht, dass du dich heimisch fühlst?“, könnte man fragen. Die Antwort ist einfach. Es gibt viele Gründe, aber am Ende ist es immer nur einer, der wichtigste, der Hauptgrund: die Menschen! Ich bin oft beglückt, was für unterschiedliche, jeder auf seine Art mich bereichernde Menschen ich mit den Jahren kennenlernen durfte. Durch viele habe ich etwas Neues erfahren, manchmal auch, ja, sagen wir es ruhig: Vorurteile abgebaut. Die Menschen sind das wichtigste Gut an jedem Lebensort.

Abschiednehmen – wo ist „Zuhause“?

Abschied nehmen muss ich auch vom wohligen Gefühl, dass keiner hier verlorengeht: Abu Dhabi wurde vor Kurzem in einer Studie zur sichersten (Groß-)Stadt der Welt erklärt. Hier bekommt man, wenn man Kreditkarte und Bargeld verschusselt hat, diese noch hinterhergetragen; Autos kann man unverschlossen herumstehen lassen, vergessene Taschen, Smartphones oder andere Dinge erhält man normalerweise verlässlich zurück; auch Gewaltkriminalität kommt kaum vor.

Ich muss mich verabschieden vom Blick in meinen Garten mit den hohen Bäumen, von Straßen und Plätzen, von Oud-Beduftung in Geschäften und typischen Geräuschen. Vom ganzen Alltag hier. Lokaltypischen Gewohnheiten wie: Ramadan-Schulbuszeiten; der Freitag ist der Samstag; ein Brunch beginnt mittags um eins, Schulen geben kein hitzefrei ;-).

Wieder einmal ist ein Lebensabschnitt deutlich sichtbar abgeschlossen. Die ältere Tochter hat nach dem Abitur nun ihr eigenes Leben in Deutschland begonnen. Für die restliche Familie wird es bald ebenfalls ein „Sich-neu-Erfinden“ am neuen Ort geben, geben müssen.

Und, da man diesen Satz ja oft zu hören bekommt: „Na IHR seid das ja gewöhnt – umziehen, Abschied nehmen; das ist ja für euch nicht so schlimm“ …
Doch. Es wächst einem als Expat nicht etwa automatisch so eine Art „Seelen-Hornhaut“! Nein, man gewöhnt sich nie wirklich dran. An die ganzen Verabschiedungen – oft für immer – schon gar nicht. Man nimmt es eher als Teil des Ganzen mit in Kauf.

Tränen. Die gehören wohl mit dazu …

Heimkehr: Man badet nie zweimal im selben Fluss

Das unsichtbare Problem mit der Heimkehr ist: In der alten Heimat glauben die meisten ja, dass wir nun endlich „nach Hause kommen“. Diese Fraktion ist witzigerweise quasi identisch mit der, welche uns bei jedem Urlaub fragt, ob man „sich denn schon eingelebt“ habe. (Nein, deshalb bin ich ja dort auf Urlaub: Weil ich eben NICHT da lebe!)
Der Widerspruch, sich bei jedem Urlaub für ein paar Tage einleben zu müssen, jedoch nach 20 Jahren Abwesenheit – mit kurzen Unterbrechungen –  quasi durch Zauberhand einfach so wieder „heimkommen“ zu können, fällt dabei wohl nicht weiter auf.

Also bitte, liebe Daheimgebliebenen: Wenn ihr demnächst die Feststellung trefft, die wohl alle Expats nach einigen Auslandsjahren zu hören bekommen, nämlich: „Du musst ja SO froh sein, endlich wieder zu Hause zu sein?!“ – wird meine Antwort wohl eher ein „Muss ich erst einmal rausfinden. In Wirklichkeit habe ich nämlich mein gefühltes Zuhause soeben erst eingebüßt.“

Ein weises Sprichwort besagt, man könne nicht zweimal im selben Fluss baden, denn der Fluss verändere sich ständig. Nicht nur meine alte Heimat hat sich optisch, vor allem aber auch politisch verändert, auch die alten Bekannten haben derweil ihr eigenes Leben weitergelebt.
Doch auch ich selbst werde mich wohl in zwanzig Jahren irgendwie ein wenig entwickelt haben (hoffe ich zumindest); und dies durch die internationalen Erfahrungen möglicherweise noch einschneidender als ohnehin mit wachsender Erfahrung und Lebenszeit.

Ich komme also nicht einfach so heim. Es ist möglich, dass es sich zuweilen wie ein weiteres fremdes „Gastland“ anfühlen wird. Auch damit werde ich, werden wir uns zu arrangieren lernen müssen. Fachleute für internationale Umzüge wissen, dass heftiger als der erwartbare Kulturschock beim Umzug in eine völlig fremde Umgebung die vergleichsweise vermutete ‚leichte‘ Rückkehr ins Heimatland ist. „Reverse culture shock“ heißt das Phänomen, umgekehrter Kulturschock.

WAS ICH N*I*C*H*T VERMISSEN WERDE:

* Kakerlaken!!! Durch alle unsere Gastländer haben sie uns „begleitet“, aber ich will fortan keine einzige mehr sehen müssen. Noch nicht einmal in künftigen Urlauben.

* bei 45 Grad im Schatten in ein Auto einsteigen zu müssen, das jedoch bereits längere Zeit nicht im Schatten gestanden hat (und damit gut und gern 70 Grad Innentemperatur hat)

* dass es hier im Wüstenland so gut wie nie nach „Natur“ riecht

* Familienleben, das sich an einer hier branchenüblichen 6-Tage- à 12- Stunden-Arbeitswoche des Verdieners orientieren muss

* bei jedem Flug nach Deutschland (oft für ganze zwei Monate Sommer) und bei jedem Flug zurück hierher zu grübeln, wie man nur alles in 23 kg Fluggepäck unterbringen soll?…

WAS ICH AN ABU DHABI VERMISSEN WERDE:

* Niemals Kälte, kein eisiger Wind bei nasskalten 3°C und Matsch an den Füßen. Niemals mehr anziehen zu müssen als ein T-Shirt oder Sommerkleidchen und Schlappen.

* Fast immer heiter und entspannt wirkende Menschen – egal wo, die einen anlächeln – einfach so!

* Die erstaunliche Vielfalt an Akzenten um einen herum, die das Englische annehmen kann

* Die freundlichen Security Guards an der Schranke zu unserem Wohncompound, die immer lächelnd winken, als freuten sie sich tatsächlich über meine Rückkehr

Toleranz verschiedenster Art. Seien es die Nicht-Moslems, die hier z.B. recht selbstverständlich während des Ramadan nicht vor den Augen fastender Moslems essen und trinken. Seien es wiederum jene, welche in ihrem Land die Andersgläubigen in den Bars problemlos Alkohol trinken lassen. Seien es die Weihnachts- und Oster-, die Ramadan- und die Diwali-Dekorationen in den Läden.

Sei es in der Stadt Al Ain die St. George Jacobite Syrian Orthodox Simhasana Cathedral, welche unlängst moslemischen Arbeitern zum Fastenbrechen Iftar ihre Türen öffnete und Essen bereithielt.
In Dubai hingegen öffnete eine Gurudwara (Tempel der indischen Sikhs) für ein Iftar allen ihre Pforte. Neben Sikhs und Moslems nahmen an dem religionsübergreifenden Essen auch zahlreiche Christen und Hindus teil. Anderes Beispiel: Die bisherige ‚Mohammad Bin Zayed‘-Moschee in Abu Dhabi wurde in einer großen Geste der Toleranz allgemein und gegenüber den Christen im Besonderen in ‚Mary, Jesus‘ Mother‘-Moschee am 14.6.2017 umbenannt,dem Welthumanitätstag.

* Ich schätzte es sehr, problemlos und zügig von A nach B zu kommen: Auf den mehrspurigen Stadtautobahnen gibt es (fast) nie Stau!

* Weihnachtsmarkt an der Deutschen Schule: Jedes Jahr an einem Nachmittag im Dezember, sobald es dunkelt, duftet es auf dem Schulhof von Ständen nach frischen Waffeln, gebrannten Mandeln und Apfelpunsch. Zu weihnachtlichen Klängen von der Schulband gibt es passende Deko und kleine Geschenke zu kaufen, Bratwurst und Sauerkraut usw. gegen den Hunger sowie Spiele für die Jüngeren. Diese Tradition ist bei Abu Dhabi-anern jeglicher Herkunft ein sehr beliebtes Ereignis. Das Beste: es ist lau, keiner friert sich die Finger oder Zehen ab auf diesen Weihnachtsbasar!

* Selbst mit größerem Auto immer ausreichende und geräumige Parklücken zu finden

* Gecko „Günther“, der auf fast schon magische Weise immer nur morgens zu dem Zeitpunkt hinter dem Elektrokasten vor der Haustür draußen sichtbar wurde, wenn unsere Töchter das Haus zum Bus verließen. Als wolle er „Guten Morgen“ sagen! Ebenso mochten wir seine vielen kleinen Verwandten, die uns oft durchs Haus oder über die Wände und Decken huschend begegneten.
Außerdem die kleinen, rosa Tauben hier, die gewitzten Spatzen, die Weißwangenbülbüls (erinnern an Kohlmeisen mit Häubchen). Und natürlich die Mynas, eine Art auf Miniaturformat geschrumpfte Krähenpapageien in Graubraun mit gelben Beinen, die immer paarweise wichtig herumhüpfen und in der Lage sind, alle möglichen Laute und Geräusche zu imitieren

* Frischer Hummus und Tabbouleh zu jeder erdenklichen Tageszeit, für Minibeträge erhältlich!

* Schulbusse. Früh – Haustür auf, Kinder in den Bus. Nachmittags – Bus hält, Kinder wieder daheim

* Ich habe hier selbst tagtäglich erleben dürfen, dass das friedliche Zusammenleben keine schöne, aber ach leider-leider unerreichbare Utopie ist – sondern normaler Alltag in den VAE. Hat was von Garten Eden, wenn dieser erstaunliche Menschen-Mix auf die unspektakulärste, „normale“ Art und Weise miteinander auskommt, die man sich nur denken kann. Eben, weil das „Fremde“ hier das Normale ist. Selbst, wenn auch hier nicht alle gleich sind: Abfällige Blicke oder gar Worte (geschweige denn Tätlichkeiten) gegenüber „Anderen“ wird man vergeblich suchen.

„Ladies‘ Nights“! Mehr sage ich nicht   🙂

* Valet Parking: Autoschlüssel abgeben und gut.

* Der Gipfel der Genderisierung – aber so nennt das hier ja keiner: Nämlich, wenn einen die philippinischen Verkäufer und Verkäuferinnen im Laden mit „Hello, MamSir, how can I help you?“ begrüßen

* Wie blöd vor die Tür rennen, dort wild herumhopsen vor Begeisterung und hoffen, dass NOCH ein paar mehr Regentropfen gleichzeitig fallen, damit das Instagram-Live-Video auch ansprechend wird

* Die eeeeeeeeendlos erscheinende runde Rechtskurve des Highways zwischen Großer Moschee und Officers Club

* Der weite Blick über die einzigartigen, riesigen Mangroven-Wälder mitten in der Stadt, wenn man die Salam-Street entlangfährt, mit etwas Glück sieht man diverse Wasservögel (u.a. Flamingos) am Ufer.

* Den sakralen Anblick der Großen Moschee selbst – der Sheikh Zayed Grand Mosque – und das ganz besonders zu Neumond, wenn sie (s.o.) in geheimnisvoll irisierendes Blau getaucht ist.

* Spontane Staatserlasse à la: „Morgen fällt für alle die Schule wegen Unwetter / zur Feier der gewonnenen Expo 2020 (o.ä.) aus“.

* Unsere vielen, quasi legendären Kostüm- und anderen abgefahrenen Partys, die wir gefeiert haben („Mangrovianer“ und ihre Freunde wissen, wovon ich rede)

* Instrumental-, Sprach- und andere Lehrer, die ins Haus kommen

* „Raus-in-die-Natur-Gehen“ auf Arabisch: Wüstenpicknick in den Dünen, und dann Off-road fahren  =  wie Achterbahn, nur kostenlos. Natürlich inklusive Steckenbleiben!

* Supermarkt an sieben Tagen die Woche, von früh um sieben bis Mitternacht

* Dass die Mondsichel hierzulande gemütlich im Nachthimmel zu liegen bzw. schweben scheint –  anstatt, wie in nördlicheren Gefilden, hochkant „Hab-acht“ zu stehen.

* Dass alles um mich rum aufspringt (o.k.: aufspringen sollte …), wenn ich „Yalla!“ rufe. Und alles vorbei ist, wenn ich „Khallas!“ sage. Ganz ohne Simultanübersetzer.

* richtig gute, frische Datteln und die vielen Fässer am Gewürzstand im Carrefour oder Lulu-Supermarket, wo man nicht nur alle Düfte, sondern auch Gewürze Arabiens genießen, sondern auch lose kaufen kann

* und selbstverständlich auch: das alles für meinen Blog aufzuschreiben

Der Wüstenwind wird uns sicher irgendwann einmal für einige Tage wieder hierher wirbeln. Bis dahin sage ich: Ma’a Salama.

Antje Döhring ist studierte Journalistin und hat mit ihrer Familie lange Jahre im Ausland gelebt. Zunächst in Saudi-Arabien, dann Indien, Libyen und zuletzt in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Dieser Beitrag erschien im Original auf Antjes Blog „Buchstaben wie Sand am (Wüsten-)Meer.

Kommentare (2) Schreibe einen Kommentar

  1. Ich vermisse auch den Mittleren Osten. Die Riesenauswahl an Spitzenrestaurants! Das ganze Expat-Leben, wo das Lebensgefuehl davon gepraegt ist, dass morgen alles vorbei sein koennte. Also gemeinschaftliches Carpe Diem jeden einzelnen Tag. Auf den Kommentar ‚du musst ja so gluecklich sein, wieder hier in der Heimat zu sein‘, antworte ich immer, dass ich mich noch im Resozialisierungsprozess befinde und erst naechstes Jahr eine Antwort geben kann…..Mein Mann ist nach nur 5 Monaten in der Heimat schon wieder richtig rastlos. Ihm fehlen die grossen Herausforderungen in seinem Job und gemeinsam fehlen uns die taeglichen crazy moments. Gab doch eigentlich jeden Tag mindestens eine Situation, bei der man sich ob der Absurditaet kaputt gelacht hat. Wahrscheinlich braucht man wirklich minimum ein volles Jahr, bevor man ankommt. Dir und Deiner Familie alles Gute xx

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  2. Mir aus der Seele gesprochen! Vor 5 Jahren zog ich zurück nach Deutschland und ich kann diese Worte immer noch so gut nachempfinden, einzig, was mir in dieser Aufzählung des Vermissten fehlt: der Gebetsruf von den Türmen 1000er kleiner (und einiger großer Moscheen) in Abu Dhabi – innehalten und lauschen. Ich vermisse es so sehr!

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