Expat-Leben: Frei sein

Expat-Leben: Frei sein - www.expatmamas.de - Expatmama Selbstbild SelbstakzeptanzOder: „Ach, könnt‘ ich nur und hätt‘ ich doch“

Kommt euch dieser Gedanke bekannt vor? Dieses nagende: „Eigentlich würd’ ich ja gerne, aber…“. Als ich neulich in einem Beitrag fragte: Gibt es ein Expat-Leben light?, da waren sich alle im Grunde einig: Nein. Die äußeren Gegebenheiten werden zwar mal als mehr oder weniger herausfordernd empfunden, aber was den Umzug ins Ausland für alle schwer macht, ist das innere Gepäck, das man mitschleppt. Was ich damit meine? Alle kämpfen wir damit, die Balance im neuen Leben zu finden; jede Expatmama versucht herauszufinden, wie sie die nächsten Jahre verbringen möchte, wie sie sich selbst definiert. Und alle laufen wir immer wieder Gefahr, uns die (vermeintlichen) Definitionen von anderen zu eigen zu machen, ohne dass wir das immer merken. Was bleibt, ist eine latente Unzufriedenheit. Und wie werden wir diese Unzufriedenheit wieder los?

Ein Gespräch mit Julia Meder darüber, warum wir im Ausland ein neues Bild von uns selbst brauchen.

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„Spieglein, Spieglein an der Wand, wer bin ich denn im neuen Land?“

e/m: Liebe Julia, fast ein Jahr ist es her, dass wir darüber gesprochen haben, wie wichtig und wie schwierig es ist, sich beim Umzug ins Ausland nicht selbst aus den Augen zu verlieren. Ein Jahr und einige Expat-Gespräche später habe ich den Eindruck, dass eine große Frage für Expatmamas ist: Darf ich das? Z.B.: Darf ich nicht arbeiten? Darf ich so viel Haushaltshilfe annehmen? Darf ich einen Fotokurs nur zum Vergnügen buchen? Teilst du diesen Eindruck?

JM: Der Eindruck entsteht, weil Selbstzweifel, die jeder Mensch mehr oder weniger hat, bei Expat-Partnern durch die Umbruch-Situation quasi ans Tageslicht gezerrt werden. Man kann sich nicht hinter Routinen oder im Alltag verstecken, weil es zunächst keinen Alltag und keine Routinen mehr gibt. Man muss sich plötzlich aktiv entscheiden, wie man das Leben im Ausland gestalten will. Man kann das Leben nicht mehr einfach so passieren lassen. Zuhause im Trott versteckt man sich ja gern hinter den Gegebenheiten, auch wenn man tief im Innern unzufrieden ist. Dann sagt man: „Ach, eigentlich wäre ich gern selbständig, aber…“ Man macht es sich bequem hinter den Ausreden und es gibt ja auch vermeintlich immer gute Gründe. Durch den Umzug ins Ausland wird der Vorhang, hinter dem wir es uns gemütlich gemacht haben, gelüftet; wir werden gezwungen, uns zu entscheiden, wie wir leben wollen. Den Expatpartnern wird quasi vor die Füße geworfen, worum es eigentlich in unser aller Leben geht: das eigene Leben durch Entscheidungen selbst zu gestalten.

e/m: Wenn ich also im Ausland nicht arbeite, obwohl es möglich wäre, oder eine Putzfrau und Köchin beschäftige…

JM: … Dann tu es, weil du dich dafür entschieden hast und Punkt.

e/m: Und warum fällt es dann so schwer, sich zu entscheiden? Warum fragen wir uns, ob wir uns Dinge erlauben dürfen?

JM: Wir glauben, dass andere bestimmte Erwartungen an uns haben. Und da vor allem Frauen oft anderen Menschen gefallen wollen oder nicht auffallen wollen, versuchen sie, diese Erwartungen zu erfüllen. Und dabei stimmen unsere Annahmen oft noch nicht einmal, denn wir haben uns eine Geschichte im Kopf zurechtgelegt. Und die arbeiten wir dann ab. Selbst wenn unsere Annahmen über die Erwartungen anderer an uns aber stimmen, dann gilt immer noch Folgendes: Was andere von mir denken, kann ich nicht beeinflussen. Wenn man z.B. Mutter wird, dann finden die einen, man soll daheimbleiben, und die anderen, man soll arbeiten gehen. Glücklich werde ich nur sein, wenn ich das mache, was ICH machen will. Wenn ich glaube, das tun zu müssen, was andere von mir erwarten, dann bleibt eine latente Unzufriedenheit.

e/m: Wie erkenne ich denn, dass ich drauf und dran bin, nicht zu tun, was ich will, sondern was ich meine, was „man tun muss“?

JM: Jeder erzählt sich ja den ganzen Tag selbst Geschichten. Z.B. die Geschichte von der überforderten Expatmama, die jetzt am anderen Ende der Welt nicht weiß, wie sie die Dinge des Alltags regeln soll. Nichts klappt. Alles dauert ewig. Nur um ein extremes Beispiel zu formulieren. Das hält man für die Realität. Ich schlage dann gerne eine Übung vor: Überlege, was das Gegenteil dieser Geschichte ist. Und jetzt versuche mal 24 Stunden lang, diese neue Geschichte zu glauben. In unserem Fall: Du bist die Expatmama am anderen Ende der Welt und hast tolle Läden gefunden, einen Sportkurs für die Kinder gebucht und fürs Wochenende ein Restaurant mit neuen Bekannten reserviert. Das fühlt sich doch viel besser an, oder?

Schaffe eine neue Realität. Verändere deine Geschichten und verändere damit deine Realität.

e/m: Ich stelle es mir schwer vor, sich bewusst zu machen, dass man sich Geschichten erzählt und zu merken, welche das sind.

JM: Ja, dazu gehört viel Selbstreflexion und nicht immer gelingt das auf eigene Faust. Aber eine andere Übung ist, dass man sich z.B. für einige beliebige Uhrzeiten am Tag einen Wecker stellen. Wenn er klingelt, dann überlegt man kurz: Worüber denke ich gerade nach? Wie sehe ich mich gerade? Wie fühle ich mich? Durch diese spontanen Momentaufnahmen kann man sich schon ganz gut auf die Schliche kommen, welche Lieblingsgeschichten man sich erzählt.

e/m: Glaubst du, dass Expatfrauen sind besonders anfällig dafür, sich negative Geschichten zu erzählen?

JM: Ja, ich denke schon, weil der Umzug ins Ausland eine Zeit größter persönlicher, emotionaler Verunsicherung ist. Ein bisschen wie bei Teenagern, die noch nicht wissen: Wer bin ich? Was macht mich aus? Vieles, worüber man sich definiert hat, bricht weg. Man muss seine Identität neu finden. Da wird der gefühlte Blick von außen plötzlich wieder wichtiger. Was sagt die Peer-Group? Die Neue, die Andersartige zu sein, macht extrem verwundbar und anfällig dafür, schlecht von sich zu denken.

e/m: Mein Sohn glaubt auch, wenn sein Beinschlag beim Brustschwimmen nicht richtig ist, mögen ihn gleich seine Freunde weniger.

JM: Das ist ein gutes Beispiel. Wer sich seiner selbst sicher ist, wer sich seiner Persönlichkeit bewusst ist, der wird den Kopf schütteln. Wieso sollten dich deine Freunde nicht mögen, weil du schräg schwimmst? Wir sind alle in solchen unsicheren Phasen des Lebens gut darin, uns selbst am allerkleinsten zu machen. Wenn man das bei Licht betrachtet: Wenn jemand tatsächlich so gering von uns denken würde, warum sollten wir uns das zu eigen machen? Warum sollte ich mit demjenigen Zeit verbringen?
Wir denken immer, alle schauen auf uns. Auf unseren krummen Beinschlag oder was auch immer. Aber im Grunde schaut doch damit jeder auf sich und bemerkt den krummen Beinschlag beim anderen gar nicht. Dann kann ich auch aufhören, mir darüber einen Kopf zu machen.

e/m: Ich muss da immer unwillkürlich an „Die Geschichte mit dem Hammer“ von Paul Watzlawick* denken. Jemand will beim Nachbarn einen Hammer leihen, traut sich aber nicht zu klingeln. Er fängt das Grübeln an, der Nachbar hätte in letzter Zeit so grimmig geschaut und auch nicht gegrüßt und der Mann steigert sich so rein, dass er schließlich doch rüberrennt und dem verdutzen Nachbar entgegenbrüllt: Behalten sie ihren Hammer, Sie Rüpel.

JM: Ein gutes Beispiel, wie unsere Gedanken unsere Realität formen. Der Nachbar hat nichts getan. Der Mann hat nur gedacht, er würde ihn nicht mögen und ihm bestimmt keinen Hammer leihen.

e/m:  Diese tiefe Verunsicherung, die aus dem Verhalten des Mannes spricht, woher rührt die bei uns?

JM: Das Selbstbild stimmt in der Regel nicht mehr, wenn man ins Ausland geht. Vielleicht hat man sich als die arbeitende Mama definiert und dann muss man akzeptieren, dass es ein neues Bild gibt. Die Rahmenbedingungen wie Wohnort sind gegeben, der Rest ist Gestaltung. Ich stelle mir das immer wie ein Ausmalbild vor: Die Form ist vorgegeben, aber die Farben wählst du selbst. Beim Malen würdest du ja auch nicht pink nehmen, weil andere das vielleicht schön finden, sondern nur, wenn du es schön findest. Du füllst das neue Bild von dir mit Leben.

Eine Sache, die mir bei meinen Coaching-Klienten immer wieder auffällt, ist, dass sie denken, dass sie Dinge tun müssen. Aber das ist eigentlich ein fataler Ansatz, der oft ins Unglücklich-sein führt. Denn im Grunde gibt es im Leben fast nichts, was man tun MUSS. Das Meiste ist eine Frage der Entscheidung. Man denkt: Aber ich MUSS doch arbeiten gehen. Nein, rein neutral betrachtet musst du das nicht. Du kannst auch zuhause bleiben. Daher kannst du es in deinem Kopf einfach ändern in: Ich MÖCHTE arbeiten gehen, weil ich gern eigenes Geld verdienen möchte – oder weil ich meine Kollegen mag oder warum auch immer. Es dauert oft eine Weile bis man dieses Konzept verinnerlicht hat, aber wenn man merkt, dass wir fast nichts im Leben tun müssen, dann gibt uns das eine große Freiheit. Denn es ist unsere Entscheidung und somit sind wir wieder mehr Herr der Lage und weniger von den äußeren Umständen abhängig.

e/m: Und doch spürt man bei mancher Entscheidung, man müsse sich anschließend rechtfertigen.

Expat-Leben: Frei sein - www.expatmamas.de - Gespräch mit Coach Julia MederJM: Den Drang zur Rechtfertigung spürt man nur, wenn man unsicher ist. Und wenn man nach dem Warum für diese oder jene Entscheidung gefragt wird, kommt man in eine Spirale aus Begründungen, die alles nur noch schlimmer macht. Sich selbst und seine Entscheidungen zu akzeptieren, erreicht man nur, wenn man einen neutral wohlwollenden Gesprächspartner hat, der emotional nicht beteiligt ist. Das ist z.B. beim Ehepartner oder der besten Freundin nicht gegeben. So wohl er oder sie dir auch gesonnen ist (das nehme ich mal an 😉 ), so sind sie, ohne es zu merken, emotional beteiligt. Kommentare zu deinem Status spiegeln also immer auch ihre eigene Agenda.

e/m: Also doch ein Coach?

JM: Ja, dieser Gesprächspartner kann ein Coach sein. Das kannst du aber auch selber sein, im Selbstcoaching.

e/m: Selbstcoaching – das klingt spannend. Da haben wir gleich ein neues Gesprächsthema.

JM: Immer gerne.

e/m: Drauf freue ich mich schon. Liebe Julia, es war wieder wunderbar, sich mit dir zu unterhalten. Vielen Dank, dass du dir so viel Zeit für die Expatmamas genommen hast.

*Paul Watzlawik: Die Geschichte mit dem Hammer, Aus: Anleitung zum Unglücklichsein, Piper 1983

Julia Meder - www.expatmamas.de - Coaching für Expatfrauen

Julia Meder hat drei Jahre als Expatmama in Raleigh, North Carolina gelebt. Seit ihrer Rückkehr arbeitet sie als selbständiger Coach in Rheinland-Pfalz. Zu Julias Website Dreamfinder Coaching geht es hier und auf Facebook und Instagram ist sie ebenfalls zu finden. Außerdem produziert sie zusammen mit Sarah Schäfer den eigenstimmig-Podcast, in dessen aktueller Folge sie zufällig mit einer Expatmama spricht. Hört doch mal rein!

Kommentare (10) Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo ihr Lieben,

    dieses Interview kommt gerade zur rechten Zeit. Ich versuche auch gerade mein Leben neu zu malen. Habe jetzt endlich ein bisschen Luft weil beide Kiddies in der Vorschule sind. Ganz schön schwer, sich von vermeintlichen eigenen Erwartungen und Erwartungen anderer frei zu machen und sein Leben wirklich selbst zu gestalten. Findet ihr das auch so schwer?

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    • Liebe Pamela,
      Um ehrlich zu sein: Ich glaube, es gibt ein Leben lang Phasen, in denen das verdammt schwer ist! Und gerade in einem nicht vertrauten Umfeld ist es nochmal so schwer, weil die gesellschaftlichen Erwartungen oder Rahmenbedingungen so anders sein können als daheim. Da sitzt man dann zwischen allen Stühlen. Umso wichtiger, das zu tun, was man selbst möchte. Ich wünsche dir sehr, dass dir gelingt, das herauszuhören und umzusetzen! Und sonst: Einfach mal Julia unverbindlich fragen. 🙂 Alles Gute

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  2. Hallo liebe Jonna,
    danke für diesen Beitrag. Ihr habt ja sooooo Recht! Ich wohne seit einem Jahr mit meiner Familie im Ausland. In Deutschland war ich eine berufstätige Mama von 2 kleinen Kindern. Seit dem Umzug war alles anders. Eine Unzufriedenheit schlich sich langsam ein und ich fragte mich warum eigentlich? Ich kam doch gut in dem neuen Land zu Recht und hatte viel Zeit für mich und meine Kinder (was in Deutschland immer nur ein Traum war). Dank Dir habe ich verstanden, dass ich meine Identität, eine bestimmte Rolle verloren hatte. In deinem Blog bin ich auf Julia Meder und „eigenstimmig-Podcast“ gestoßen. Es hatte mich inspiriert nach meinem neuen „Ich“ zu suchen, meine Werte neu zu hinterfragen und ermutigte mich eine Entscheidung zu treffen das Leben der neuen „Ich“ zu genießen. Nun finde ich mich in deiner Überschrift „Expat-Leben: Frei sein“ wieder. Mein Bild gefällt mir 🙂

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    • Toll! Das freut mich sehr, wenn du das jetzt sagen kannst! Und wenn wir einen kleinen Teil dazu beigetragen haben, umso schöner. Dafür arbeiten wir. Danke für dieses Feedback! Genieße deine Zeit im Ausland. Alles Liebe

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  3. Liebe Jonna, liebe Julia,
    Ich finde diesen Beitrag wunderbar! Besonders schön ist die Idee, das Bild in den eigenen Farben zu malen! Sorgen wir in dieser Zeit alle dafür, dass unsere Bilder farbenfroh und lebendig werden. Der Auslandsaufenthalt beinhaltet nämlich nicht nur, dass vieles Gewohnte wegfällt, sondern vor allem, dass ganz viel Neues möglich wird! Wir müssen uns nur dazu entscheiden, die Perspektive zu wechseln. Ich wünsche allen Expatmamas, dass es ihnen gelingt ihre Zeit in bunten und einzigartigen Farben zu gestalten.

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  4. Liebe Jonna, wieder einmal ein toller, sehr gehaltvoller Beitrag zum Leben im Ausland – vielen Dank! Ihr sprecht darin so viele wichtige Themen an, die einen beim Ortswechsel richtiggehend „überfallen“. Ich habe Jahre benötigt, um mich alleine aus diesem Sumpf aus Unzufriedenheit und Selbstzweifel herauszukämpfen. Und habe mir dabei noch ständig selbst Vorwürfe gemacht, weil ich nicht dauerhaft zufrieden und glücklich war und mich mit meinem neuen Leben nicht immer anfreunden konnte…. Ihr habt mir auf jeden Fall noch einmal neue Denkanstöße gegeben. Und in meinem Kopf formt sich auch schon ein neuer Blog-Artikel zu diesem Thema….
    Schönen Tag euch und allen Expat-Mamas, Christine aus Sardinien

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    • Liebe Christine,
      vielen Dank! Dein Lob freut mich sehr. 🙂 Und auch, dass wir dich noch inspirieren konnten! Sei stolz auf dich und was du bisher alleine bewältigt hast. Ich selbst hätte Julia auch gern schon in meinen Auslandsjahren als Gesprächspartner gehabt. Ganz herzliche Grüße in den Süden
      Jonna

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  5. Liebe Jonna, liebe Julia!
    Vielen Dank für den tollen Beitrag. Ich hatte nach vielen schönen und entspannten Tagen in GB heute einen Tag an dem ich mich total unsicher gefühlt hab und deshalb von Heimweh geplagt wurde. Jetzt ist mir klar woher diese Unsicherheit kommen kann und dass sich mit dem Auslandsaufenthalt die einmalige Gelegenheit ergibt tolle neue Erfahrungen und Eindrücke zu sammeln!

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    • Liebe Sabine,
      vielen Dank für dein Kompliment. Ja, manchmal gleicht das Leben im Ausland einer Berg- und Talfahrt. Ich wünsche dir, dass das Tal nicht so tief ist und du noch viele Möglichkeiten erkennst, wenn sich der britisch-graue Himmel ein wenig lichtet. 😉 Diese Jahreszeit fiel mir in England immer schwerer als andere, selbst nach vier Jahren. Kennst du schon das Buch „Watching the English“? Mir hat das sehr geholfen. Liebe Grüße auf die Insel

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