Internationales Abitur und trotzdem keinen Studienplatz

Internationales Abitur und trotzdem keinen Studienplatz - www.expatmamas.de - Gastbeitrag Silke PedersenOder wie unsere mitreisenden Kinder von deutschen Unis ausgeschlossen werden

Ein Gastbeitrag von Silke Pedersen

Alle Eltern, die aus Deutschland ins Ausland ziehen, sei es, weil sie selbst neue Ufer suchen, sei es, weil sie von ihrem Arbeitgeber entsendet werden, kennen die Sorge darum, wie es mit der Schulbildung ihrer mitreisenden Kinder weitergehen soll.

Oftmals, besonders wenn der Auslandsaufenthalt auf einer Entsendung beruht, fällt die Wahl auf eine internationale Schule. Die Kosten hierfür werden in der Regel von den Arbeitgebern übernommen. In unserem Fall waren es stets internationale amerikanische Schulen, deren Schulgeld 1500-2000 Euro pro Kind und Monat betrug. Der Vorteil dieser Schulen ist, daß die Kinder ohne Probleme eingeschleust werden können. Viele dieser Schulen haben z.B. zusätzliche Lehrer, die nicht-englisch sprachigen Kindern im ersten Jahr an der Schule extra Unterstützung und Hilfe geben. Diese Lehrer sind hierfür speziell ausgebildet. Sie sichern eine schnelle Eingliederung der Kinder und helfen, sprachliche Hürden zu überwinden. Außerdem ist an den internationalen Schulen die Unterrichtssprache einheitlich Englisch. Wenn man dann noch eine Schule wählt, die das International Baccalaureate (IB) Programm anbietet, so ist man sicher, dass auch der Unterrichtsstoff einheitlich ist, selbst wenn man zu einer anderen internationalen IB Schule in einem anderen Land wechselt. Und das IB Diploma wird nicht nur international an den renommiertesten Universitäten anerkannt, sondern auch in Deutschland gleichwertig zum Abitur behandelt. Soweit die Theorie.

In der Praxis sieht das anders aus, wie meine Kinder leider feststellen mussten. Deutschland, das es in seinem förderalen Bildungssystem nicht einmal schafft ein einheitliches Abitur auf die Beine zu stellen, erkennt das renommierte IB Diploma nur mit Einschränkungen an.

Das International Baccalaureate Diploma Programm (IBDP) wurde 1968 in der Schweiz gestartet. Ursprünglich gedacht als einheitliches Bildungsprogramm für die vielen Kinder von Botschaftsangehörigen, die ihre Schullaufbahn in verschiedensten Ländern über den gesamten Globus bestreiten. Das Programm wurde mit Unterstützung von UNESCO, Ford Foundation und international erfahrenen Ausbildern von Oxford University, United Nations International School und dem US College Board kreiert. Mittlerweile wird dieses Programm einheitlich an 4.655 Schulen in über 125 Ländern unterrichtet.
Wie kein anderer Abschluss erfüllt das IB die Forderung nach ganzheitlicher Bildung und Erziehung, u.a. mit dem Fach ‘theory of knowledge`, das fächerübergreifend die Definition von Wissen philosophisch debattiert und reflektiert. Des weiteren müssen IB-Absolventen auch sogenannte CAS-Stunden bestreiten. CAS steht für Creativity, Action und Service. Mindestens 150 dieser Stunden müssen neben den eigentlichen Schulfächern bestritten werden. Damit ist das IB Diploma der einzige akademische Abschluss, der auch einen Dienst an der Gemeinschaft abverlangt und somit nicht nur akademisch bildet, sondern auch Sozialkompetenz fördert und fordert.
Diese ganzheitliche Bildung auf akademisch allerhöchstem Niveau macht IB-Absolventen zu bevorzugten Bewerbern an den renommiertesten Hochschulen in den USA, England und Australien. Häufig bekommen IB-Absolventen hier ein volles Jahr gutgeschrieben und können somit im 2. Studienjahr einsteigen.

Nicht so in Deutschland. Hier wird vielmehr durch Beschluss der Kultusministerkonferenz das International Baccalaureate nur mit Sonderregelungen anerkannt. Eine der geforderten Voraussetzungen ist z.B., dass entweder Mathematik oder ein naturwissenschaftliches Fach auf Higher Level bestanden worden sein muss. Higher Level in IB bedeutet Unterricht auf College Niveau. Ist diese Voraussetzung nicht erfüllt, hat also der Schüler Mathe und Naturwissenschaften auf Standard Level belegt, bekommt er mit seinem IB Diploma keine Hochschulzulassung. Dabei ist es dann auch egal, ob der Bewerber Human- oder Geisteswissenschaften studieren möchte. Ein Umstand der uns nicht bekannt war und den auch niemand erwähnte, als wir uns im Vorfeld in Deutschland erkundigten.

Beiden meiner Kinder war aufgrund dieser Regelung ein Studium in Deutschland verwehrt.

Mein Sohn z.B. wollte gerne Geschichte und Politik studieren. Er hat daher statt eines naturwissenschaftlichen Faches Geschichte auf Higher Level gewählt. Mit seinem Abschluss hätte er in England, Australien, Kanada, Holland, Österreich, Belgien, Schweden, Island und den USA studieren können (das sind die Länder, die er versucht hat), nicht aber in Deutschland. Unsere Tochter hat die gleiche Ablehnung erfahren. Da sie nur ein Jahr jünger ist als unser Sohn, kamen seine Erfahrungen zu spät, um noch ihre Fächerauswahl im IB den deutschen Anforderungen anzupassen. Beide meine Kinder haben sich aufgrund der Nichtanerkennung in Deutschland für ein Studium in Dänemark entschieden. Uns wurde an einer deutschen Universität empfohlen, doch einfach ein Jahr im Ausland zu studieren und dann nach Deutschland zu transferieren. Dann kann eine Aufnahme ohne Probleme erfolgen. Warum sollte jemand das wollen, der mit seinem hart erkämpften internationalen Schulabschluss eingangs abgelehnt wird? Dem offiziell die Befähigung ein Hochschulstudium zu bestreiten negiert wird?

Man muss auch dazu noch erwähnen, dass wenn man z.B. einen Studienplatz in Deutschland mit einem dänischen Abitur sucht, die Forderung nach entweder Mathematik oder einem naturwissenschaftlichen Fach auf höchstem Niveau nicht besteht. Hätten also meine Kinder das einfachere dänische Abitur gemacht, mit den gleichen Kursen ihres IB auf äquivalentem Niveau, dann hätten sie in Deutschland studieren können.

Die Ablehnung, die meine Kinder in Deutschland erlebt haben, zerreisst mir, als Mutter, das Herz. Meine beiden Kinder werden von ihrem eigenen Heimatland abgewiesen. Ich hätte mir gewünscht, dass sie in Deutschland studieren, damit sie nach den vielen Jahren im Ausland wieder näher an ihre Wurzeln gelangen.

Dadurch, dass beide nun auch das Studium außerhalb Deutschlands bestreiten, ist deren Rückkehr in die Heimat mehr als fraglich. Ich kann nur noch müde lächeln, wenn ich die Forderung von Politikern lese, dass mehr kluge Köpfe nach Deutschland eingeladen werden müssen, um die Wettbewerbsfähigkeit für die Zukunft zu sichern. Diese Einladung gilt offensichtlich nicht für deutsche Kinder, die im Ausland aufgewachsen sind und ein International Baccalaureate Diploma haben. Diesen Kindern macht man es extra schwer, nach Deutschland zurück zu kehren. Man schafft bürokratische Hürden, die mit dem gesunden Menschenverstand nicht nachzuvollziehen sind. Meine Anfrage an zuständige Kultusminister wurde auch entsprechend beantwortet: „man sehe keinen Bedarf an dem Beschluss der Kultusministerkonferenz zur Anerkennung des IB Diplomas etwas zu ändern.“

Fazit: Man überlässt diese leistungsstarken jungen Menschen lieber Universitäten im Ausland, wo diese nicht nur mit offenen Armen sondern auch vielfach mit Stipendien empfangen werden.

www.expatmamas.de - Gastbeitrag Silke Pedersen International BaccalaureateSilke Pedersen kommt aus der norddeutschen Tiefebene in Niedersachsen und hat zwei Kinder im Alter von 20 und 21 Jahren. Ihr Mann ist Däne. Aufgrund seiner Karriere hat sie in den letzten 17 Jahren in 5 verschiedenen Ländern gelebt: Deutschland, Dänemark, Bahrain, Saudi Arabien und Qatar. Über die Risiken und Nebenwirkungen des Expat-Daseins für die mitreisenden Kinder gibt es leider bislang wenig in der deutschsprachigen Literatur. Sie findet aber, dass diese Kinder mehr Aufmerksamkeit verdient haben. Deshalb schreibt sie von Zeit zu Zeit. Zuletzt von ihr erschienen ist der Beitrag „Die kulturellen Chamäleons“ im Transform Magazin.

Mehr zum Thema Hochschulzugang mit IB findet ihr hier.

Kommentare (8) Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Silke, das ist ja wirklich mal wieder haarsträubend und erschreckend, was hier passiert ist und du in deinem Text dokumentiert hast. Leider bekräftigt das meine persönliche Erfahrung erneut: Der europäische Gedanke ist nach wie vor Lichtjahre vom Alltag europäischer Bürger entfernt! Wie schade, dass es auch unsere Kinder nach wie vor nicht anders erfahren dürfen. Ich selbst lebe in Italien und habe es inzwischen aufgegeben, nach übergreifenden Regelungen zwischen Deutschland und Italien zu suchen oder darauf zu hoffen. Ernüchternd. Grüße aus Sardinien, Christine

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    • Liebe Christine,
      ja, wie so oft ist es das „Kleingedruckte“, das so wichtig ist und so oft von den Entscheidenen vergessen wird. Ich hoffe, dass Silkes Beitrag andere darauf aufmerksam macht, auf was man alles selbst achten muss. Liebe Grüße auf die Insel
      Jonna

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  2. Liebe Silke,
    ich habe während unserer Zeit in China selbst an einer internationalen IB Schule gearbeitet und im nachhinein viele solcher Geschichten gehört. Es zeigt auch, wie wichtig es ist, von Seiten der entsendenden Firmen, eine Schulberatung zu genau diesen Themen anzubieten und sich in Vorfeld schon in Deutland zu informieren, welche Fächerkombination mit welchem Niveau für welches Studienfach benötigt wird. Solche Geschichten bestätigen wieder mal die Ängste, die viele Eltern sowieso schon haben, dass nämlich mit der Entscheidung beruflich einige Jahre ins Ausland zu gehen auch die Gefahr besteht, seine Kinder für immer an ein anders Land „zu verlieren“.

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    • Liebe Ann,
      das Allerschlimmste war fuer uns, dass die Jacobs-University in Bremen unsere Kinder mit Kusshand genommen haette. Der Admission Officer dort sagte, dass sie wissen, wenn sich einer mit IB bewirbt, sie einen zukuenftig erfolgreichen Studenten vor sich haben. Jacobs-University waere fuer beide meiner Kinder die Wunschuniversitaet in Deutschland gewesen, aber so gerne die Uni auch wollte, das IB Diploma meiner Kinder erlaubt ihnen nicht in Deutschland zu studieren, obwohl mein Sohn ein ueberdurchschnittliches Ergebnis hatte…..
      Ich habe viele bittere Traenen darueber vergossen, aber es hilft ja leider nichts. Habe mich auch direkt an Politiker gewandt. Der Einzige der aktiv wurde war Jens Spahn. Aber auch er ist gegen Dinosaurier Politik machtlos

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  3. Es tut mir aufrichtig leid zu erfahren, wie es Frau Pedersen bzw. ihren Kindern ergangen ist.
    Es ist in einem solchen Fall jedoch einfach wichtig, sich bereits im Vorfeld (bzw. zumindest einige Jahre vor dem Absolvieren des Schulabschlusses) zu informieren, wie es sich mit der Anerkennung eines entsprechenden Abschlusses an Universitäten in Deutschland verhält.
    Im Falle des IB (International Baccalaureate) gibt es schon seit Langem eine für alle verbindliche Vereinbarung zwischen dem Deutschen Staat (bzw. der KMK) und der IBO (Dachorganisation des IB) in Bezug auf die Bedingungen für die Anerkennung:
    http://www.ds-doha.de/ib-diploma-programme-ib-dp/aufnahme-an-universitaeten-in-deutschland/
    Wer sich hier rechtzeitig umfassend informiert bzw. an die „Regeln“ hält, der hat dann auch sehr gute Chancen an einer Uni in Deutschland unterzukommen – aufgrund der „Bildungsausländer-Quote“, zu der die Unis in Dt. verpflichtet sind teilweise sogar bessere Chancen als Schüler mit Abitur!
    Dennoch nochmals mein Bedauern für Sie, Frau Pedersen. Ich wünsche Ihnen, dass es trotz allem ein „gutes Ende“ für Sie bzw. Ihre Kinder geben wird.

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    • Sie haben vollkommen Recht. Leider haben wir uns auf die Information verlassen, die uns vorab erteilt wurde, naemlich, dass das IB voll anerkannt wird. Von Einschraenkungen war seinerseits keine Rede. Da meine Kinder an internationalen amerikanischen Schulen ihr IB gemacht haben, waren die dortigen Studienberater natuerlich auch nicht aufmerksam was die deutschen Anforderungen angeht.
      Den Schuh, mich nicht vorab eingehend erkundigt zu haben, ziehe ich mir als Mutter natuerlich trotzdem an. Es aendert aber nichts an dem eigentlichen Problem, dass naemlich Deutschland mit diesen Einschraenkungen viele IB Bewerber abschreckt und damit insbesondere die eigenen Landskinder, die im Ausland ihre Schullaufbahn bestritten haben.
      Man kann es nicht anders als einen Verlust fuer Deutschland bezeichnen.
      Wie ich auch in dem Artikel beschrieben habe, sind die Einschraenkungen des IB auch mit nichts zu erklaeren. Wenn man z.B. die Zugangsvoraussetzungen fuer einen BA in European Studies nimmt haette mein Sohn ohne Probleme Zulassung bekommen, wenn er das daenische Abitur (STX) gemacht haette, mit den Kursen auf dem Niveau die er im IB belegt hatte. Das kann man dann doch wirklich nur als laecherlich bezeichnen, dass ihm mit IB keine Hochschulzulassung gewaehrt wurde.
      Mein Sohn hat sein Studium in DK mit Bravur gemeistert, meine Tochter schliesst ihr Studium naechsten Sommer ab. Beide haben keinerlei Interesse mehr in Deutschland zu leben oder zu arbeiten. Das ist nichts anderes als traurig.

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