Trau dich was – wenn Expatmamas auch mit 50 neue Wege gehen

Trau dich was - wenn Expatmamas auch mit 50 neue Wege gehen - www.expatmamas.de - RückkehrEin Gastbeitrag von Silke Pedersen

Mein Mann und ich sind nach 16 Jahren Expat-Dasein im Mittleren Osten (Qatar, Bahrain und Saudi-Arabien) wieder in die Heimat zurückgekehrt. Wobei hier der Begriff Heimat relativ ist. Wir sind in die Heimat meines Mannes und meiner Kinder gezogen, nach Dänemark und nicht in meine Heimat, Deutschland. Also, wenn man es genau nimmt, bin ich immer noch Expat. Als Immigrant möchte ich mich noch nicht bezeichnen, weil ich nicht weiß, ob unser Umzug nach Dänemark von Dauer sein wird. Grundsätzlich haben wir geplant, hier sesshaft zu werden, aber mich würde es auch nicht wundern, wenn uns das Fernweh wieder erfasst und wir noch einmal den Sprung in das Unbekannte wagen.

16 Jahre Expat-Leben hat eben ihre Spuren hinterlassen. Spuren unterschiedlichster Art. Eine von ihnen ist sicherlich die Riesenlücke in meinem beruflichen Werdegang.

Während mein Mann seine Karriere auf die Überholspur lenkte, habe ich als mitreisende Ehefrau meine beruflichen Ambitionen auf Sparflamme gesetzt. Ich bereue es in keinster Weise, bin stolz auf das, was mein Mann erreicht hat.

Aber aus irgendeinem Grund gibt es diese verquere Ansicht, dass das Leben als mitreisende Ehefrau nur aus tollen Reisen mit entsprechendem Müßiggang und Freizeitaktivitäten besteht.

Jeder, der jemals unseren nomadischen Lebensstil gelebt und erlebt hat, weiß, dass das, was so glanzvoll aussieht, mit viel Kompromissen verbunden ist. Es ist nicht immer einfach, seinen freien Spirit zu bewahren, wenn man keine Arbeitserlaubnis bekommen kann und auf ‘Frau von’ oder ‘Mutter von’ reduziert wird. Aber es kann gelingen. Und ich habe wertvolle, unschätzbare Lebenserfahrungen sammeln können, die ich nicht missen möchte.

Leider ist es aber in unserer Heimat so, dass diese Lebenserfahrungen nicht bewertet werden. Erfolg wird hier in Form von Leistungsnachweisen gemessen und der Selbstwert geht gerne mit dem Jobtitel einher.

Da stand ich nun im Januar, nach 16 Jahren Expat-wife-Dasein und wollte mich in den Jobmarkt begeben. Wie stricke ich nun einen Lebenslauf zusammen, der für einen potenziellen Arbeitgeber spannend genug aussieht, um mich zu einem Gespräch einzuladen?! Ein Vorstellungsgespräch, da war ich mir sicher, meistere ich mit links. Ich kann ja schnacken … und das in mehreren Sprachen …

Wichtigste Hürde war also in meinen Augen der Lebenslauf. Ein Freund von uns, der bei einem internationalen Headhunter tätig ist, hat mir geholfen. Ich habe alles, was ich irgendwann, irgendwo, irgendwie gemacht habe, versucht so einzubringen, dass man daraus ablesen kann, dass diese Aktivitäten auch Erfahrungen gebracht haben. Viele meiner Aktivitäten waren ehrenamtlich. Aber auch ehrenamtliche Tätigkeiten verlangen Disziplin, Teamfähigkeit, interkulturelle Kompetenzen, Motivation, Belastbarkeit, Engagement, Gewissenhaftigkeit und Handlungskompetenz.

Nach unzähligen erfolglosen Bewerbungen hatte ich dann endlich ein Vorstellungsgespräch. Juchhu, dachte ich, Kleinigkeit! Es wurde das schlimmste Vorstellungsgespräch, das ich in meinem ganzen Leben je geführt habe.

Es ging um eine Stellung im Flughafen in Billund. Hier dachte ich, dass meine internationalen Erfahrungen ein Riesenplus sein sollten. Stattdessen musste ich mir dann Fragen anhören, ob bei meinem Lebensweg Billund Flughafen nicht zu provinziell ist……oder dass bei denen niemand was Besseres ist……

Bei mir stellte sich ruckzuck diese Verwirrung ein, die man erlebt, wenn man nicht weiß, ob man gerade beleidigt wurde oder nicht. Das Gespräch war wie eine kalte Dusche und doch der entscheidende Anstoß noch einmal etwas ganz Neues zu probieren. Etwas was mir wirklich Spass bringen würde. Eine Beschäftigung, auf die ich mich täglich freuen kann.

In meiner Zeit als Expat-wife habe ich feststellen können, dass die mitreisenden Frauen, die Pädagoginnen oder Krankenschwestern oder Frisörinnnen sind, es am Einfachsten haben, sich auch selbst beruflich zu verwirklichen. Da ich gerne kreativ tätig bin, Mode mag und Handwerk schätze, war der Entschluss, eine Ausbildung zur Frisörin zu beginnen, ein einfacher. Ich habe mir dann noch eingeredet, dass 50 Jahre die neuen 30 sind, ich noch topfrisch bin, mir Bestätigung von meinem Mann geholt und mich kurzerhand bei einer privaten Frisörschule in Esbjerg angemeldet. Hier dauert die Ausbildung statt 4 Jahre nur 18 Monate. Man verzichtet einfach auf einen Großteil an sonst üblichen Unterrichtsfächern, wie z.B. Mathematik, Sozialkunde, Englisch und fokussiert auf das Praktische. Aufgrund meiner Vorbildung haben wir uns sogar auf eine nur 14-monatige Ausbildungszeit geeinigt und ich konnte nur 2 Wochen später beginnen.

Nach intensivster Einarbeitung an Puppenköpfen durfte ich schon am 5. Tag meiner Ausbildung an ‘echten’ Köpfen arbeiten. Natürlich unter stetiger Aufsicht und Anleitung. Jetzt nach 5 Wochen arbeite ich bereits zu 75 Prozent selbständig – schneide, färbe, lege Dauerwelle und freue mich jeden Abend, am nächsten Tag wieder bei der Hairacademy antreten zu können.  Es ist nicht nur die Arbeit an sich die mir so viel Spaß macht, oder der Fakt, dass ich täglich was Neues hinzulerne. Es sind meine Ausbilderinnen, die mir so viel Freude bereiten.

Nach 16 Jahren in Ländern mit unterdrückter Lebensfreude, strengen Hierarchien und patriachaischen Strukturen ist es für mich ein Vergnügen, täglich mit fantastisch selbständigen, unabhängigen und kompetenten Frauen zusammen zu arbeiten.

Birthe hat die Hairacademy vor 10 Jahren gegründet, weil sie es satt war, eine Ausbildung auf 4 Jahre zu strecken, die richtig unterrichtet viel schneller durchgeführt werden kann. Birthes Erfolg spricht für sich. Wo bei der herkömmlichen Frisörausbildung in Dänemark 60% der Auszubildenden vorzeitig abbrechen und die Durchfallquote bei konstant 25% liegt, hat sei in beiden Bereichen eine 100%ige Erfolgsquote zu vermelden. Sie wählt ihre Schüler sorgfältig aus und sorgt für stetige Betreuung und motivierte Lehrkräfte. Die Lehrkräfte sind alles Frauen, die ihr Handwerk verstehen und lieben. Es herrscht in der Hairacademy eine Atmosphäre die mit Kreativität, Spaß und Freude an der Arbeit geladen ist. Eine Atmosphäre, die mitreißt, motiviert und den Kunden nicht nur ein gutes Gefühl vermittelt, sondern auch ein Erlebnis. Von einer tollen Frisur mal ganz abgesehen….

Birthe gibt hierbei aber auch jungen Menschen eine Chance, die es auf dem herkömmlichen Weg nicht schaffen. Da ist z.B. ein junges Mädchen in der Ausbildung, die eine Lernschwäche hat. Dieses junge Mädchen ist aber praktisch sehr begabt und bei den Kunden äußerst beliebt. Sie macht nun ihre Prüfung im Herbst, nach 2 Jahren Ausbildung und es besteht kein Zweifel, dass sie es schaffen wird. Oder Nazir. Ein junger Mann aus dem Irak, der kaum ein Wort dänisch sprechen konnte, als er anfing, und nun selbst als gefragter Stylist arbeitet.

All das bestätigt mich täglich, die richtige Entscheidung getroffen zu haben und mich beruflich auf neue Wege zu begeben.

50 Jahre wird ja gerne auch als reifes Alter bezeichnet. Ich war reif für eine Veränderung und viel zu jung, um mich in faule Kompromisse zu fügen.

Trau dich was - wenn Expatmamas auch mit 50 neue Wege gehen - www.expatmamas.de - Gastbeitrag Silke Pedersen Silke Pedersen kommt aus der norddeutschen Tiefebene in Niedersachsen und hat zwei Kinder im Alter von 20 und 21 Jahren. Ihr Mann ist Däne. Für die Expatmamas hat sie bereits einen Artikel zu ihren Erfahrungen mit dem Internationalen Abitur (IB) geschrieben.

Kommentare (3) Schreibe einen Kommentar

  1. Freut mich zu hören, dass dieses „etwas um die Ecke Denken“ (weg von klassisch-europäischen „Karriere“-Vorstellungen) so gut gelungen ist! Und … ich kann mir dieses „Vorstellungsgespräch“ lebhaft vorstellen. Da wärst du nicht glücklich geworden. Ein Mut machender Beitrag, danke!

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  2. Ein ähnliches Vorstellungsgespräch hatte ich auch nach der Expat-Elternzeit: Eine Teilzeitstelle und ich wurde mehrmals darauf hingewiesen, dass meine bisherige Berufs- und Auslandserfahrung mich noch lange nicht zu was Besserem machten und sie überhaupt nicht sicher wären, ob ich es mit meiner Bewerbung überhaupt ernst meinte. Ich dachte, ich wäre im falschen Film. Wer mein Auftreten kennt, weiß, dass ich bleibe ich dick auftrage.

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