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„Wir sind noch gar nicht angekommen“ – ein Umzug nach Argentinien

Ein Umzug nach Argentinien - www.expatmamas.de/blog/ #expatmamas #imauslandzuhause #argentinien

Südamerika ist der neue Corona-Hotspot. Und auch dort sind Expat-Familien plötzlich damit konfrontiert, einen Neustart unter extrem schweren Bedingungen zu meistern. Dorothee ist im Februar mit ihrer 6-köpfigen Familie von Brasilien nach Argentinien umgezogen. 

Corona-Alltag in Buenos Aires

Ein Gastbeitrag von Dorothee Rh.

Nach Stuttgart, Madrid, Berlin und São Paulo leben wir, mein Mann, unsere vier Kinder (zwischen 5 und 12 Jahren) und ich, seit Anfang Februar 2020 in einem Vorort von Buenos Aires. Das sind schon viereinhalb Monate im Land, doch haben wir gerade Mal ein paar Wochen davon genießen dürfen. 

Seit dem 16. März sind die Kinder nicht mehr in der Schule, die sowieso erst Anfang März begann, und am 20.3. ist von der Regierung eine strenge Ausgangssperre verhängt worden. Eigentlich sind wir noch gar nicht angekommen, denn Haus und Garten könnten auch ganz woanders sein. Wenn die Sperre aufgehoben wird, sind wir wieder neu in Buenos Aires. 

Online-Schule mit vielen Unbekannten

Unsere Kinder besuchen die Deutsche Schule in San Isidro. Wie in den meisten Ländern ist es eine Begegnungsschule, das heißt, dass mindestens die Hälfte des Unterrichts auf der Landessprache gehalten wird – Schulhofsprache ist spanisch.

Da der Unterricht erst um 16:00 Uhr endete, waren die Kinder anfangs von den Eindrücken überrollt. Eine große Schule, viele neue Gesichter, neue Lehrer und kaum Möglichkeiten, dass sich die Geschwister sehen. Positiv war, dass die Kinder schon in den unteren Klassen mehr Deutsch verstehen, als wir es aus São Paulo gewöhnt waren. Wir waren gut betreut und hatten einen ganz guten Eindruck. Natürlich hackt es hier und da, aber daran gewöhnt man sich und inzwischen sind wir auslandsschul-erfahren.

Dann kam der Online-Unterricht nach gerade zwei Wochen Schule. Die Kinder hatten in der ersten Woche eine Google Email-Adresse erhalten, so dass der Unterricht über Google Classroom fortgeführt werden konnte. Die ersten Wochen liefen extrem chaotisch. Jeder Lehrer schickte seine Aufgaben auf eine andere Weise und zu einer anderen Zeit. Dazwischen die Kinder, die sich wieder im Ferienmodus befanden und keine Lust hatten irgendetwas für die neue Schule zu tun. Uns dröhnte der Kopf! 

Inzwischen hat es sich eingespielt. Es gibt regelmäßige Zoom Meetings für die wichtigen Fächer. Natürlich fehlt der persönliche Kontakt. Die Mädchen haben ihre Zoom Treffen mit Lehrern und Schülern, die sie kaum kennen. Dazu kommt die neue Sprache und Missverständnisse durch die Kommunikation über Mail oder WhatsApp.

Unser Fünfjähriger hat auch online Angebote für den Kindergarten. Er spielt allerdings lieber alleine oder mit einer der Schwestern, als auf das Angebot einzugehen. iPad, Handys und der Computer sind im Dauereinsatz für die Mädchen, ich könnte die Termine für den Kindergarten kaum noch unterbringen. Der Kleine fühlt sich weiterhin in Dauerferien, ist am Wenigsten berührt von der Situation und ist in unserem Kosmos wohl ganz zufrieden.

Aber die anderen Kinder benötigen viel Unterstützung. Abgesehen davon liegt die neu gekaufte Schuluniform im Schrank und ist wahrscheinlich zu klein, wenn die Schule wieder anfängt. Die Schule gibt psychologische Tipps im Umgang mit der Situation zu Hause, ansonsten gibt es von der Seite keine konkreten Aussagen. Einige Lehrer haben das Angebot des Auswärtigen Amtes wahrgenommen und sind schon im April mit dem Rückholprogramm nach Deutschland geflogen.

In Argentinien sollte das Leben leichter werden

Wir hatten uns auf das Land und die Stadt gefreut. São Paulo war anstrengend, einfach riesig, Zeit und Nerv raubend. Alleine die Wege zum Kinder-, Zahnarzt oder zum Einkauf sind lang und den Verkehr kann man kaum vorhersehen. Wir standen so oft in endlosen Staus. 

Unser Apartment, die Schule und die Firma waren sehr weit voneinander entfernt, so dass mein Mann viele Stunden im Auto verbrachte. Die Kriminalität ist sehr hoch und man bewegt sich deswegen von einer bewachten Bubble zur nächsten. Die Stadt hat zwar auch faszinierende Ecken, aber unter der Woche konnten wir wegen des Zeitaufwandes kaum hin. 

Dennoch war der Abschied aus São Paolo für die Kinder sehr schwer. Am Ende sprachen sie portugiesisch und hatten Freunde gefunden. Die Brasilianer sind sehr kinderfreundlich, herzlich und locker. Das Land ein Paradies, um Ferien zu machen. Herrliche Früchte und tolles Wetter. 

Unsere Entscheidung umzuziehen hatte verschiedene Gründe. Firma, Haus und Schule sind hier in Argentinien fantastisch nah! Wir erhofften uns mehr Zeit zusammen als Familie, auch eine bessere Schule, mehr Freizeitmöglichkeiten außerhalb der Gated Community, mehr Sicherheit und für die Rückkehr eine Sprache, die auch an deutschen Schulen angeboten wird. Der Umzug kam genau richtig. Die Situation in Brasilien ist erschreckend. 

Leider haben wir von der Stadt Buenos Aires noch nichts gesehen. In den vier Wochen Sommerferien, die wir im Februar übrig hatten, war mein Mann viel verreist und Haus, Garten, Schwimmbad und Wohnviertel zum Erkunden für die Kinder total ausreichend. Tolles Wetter und viele Erwartungen. Wir hatten eine wunderbare Eisdiele entdeckt, direkt am Flussdelta. Hoffentlich überlebt sie die Krise. In den drei Wochen Winterferien im Juli war eigentlich Deutschland geplant. Wir hoffen, bis dahin zumindest in Argentinien reisen zu dürfen.

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Die Beschränkungen in Argentinien sind streng

Die Stimmung im Land ist gemischt. Anfangs waren alle froh, dass die Regierung schnell reagierte und eine strenge vorsorgliche Ausgangssperre verhängt hat. Seitdem gab es ein paar Lockerungen. Jede Provinz um die Hauptstadt regelt es anders. 

In unserer Provinz ist es für Privatleute weiterhin nur erlaubt, das Nötigste zu erledigen. Letzte Woche wurde die Ausgangssperre bis zum 21.06. verlängert. Mit der Ausnahme, dass es jetzt erlaubt ist für eine Stunde am Tag spazieren zu gehen – natürlich immer mit Mundschutz und Abstand. 

Die Zahl der Erkrankten ist nicht hoch, doch breitet sich das Virus in den verschiedenen Barrios Populares der Stadt aus. Der Höhepunkt wird erst erwartet. Flüge sind bis September gestrichen. Die Angst, dass die Krankenhäuser überlastet werden, ist groß, denn das öffentliche Gesundheitssystem ist, wie in vielen südamerikanischen Ländern, nicht gut. 

Jetzt nach der 13. Woche macht sich Unmut in der Bevölkerung breit. Es ist mit massiven wirtschaftlichen Einbußen zu rechnen. Auch wird schon vermutet, dass die Regierung diese Situation ausnutzen würde, um ihre eigenen Interessen durchsetzen zu können. Wurden anfangs diverse lustige Corona-Videos über die Chat-Gruppen versendet, hat das inzwischen ganz aufgehört. 

Mundschutz und Alkohol in Gelform waren schon vor dem Lockdown ausverkauft, dagegen gab es in den Supermärken nie Probleme mit Klopapier. Bald nähte eine Nachbarin selber die Masken und der Alkohol wurde zu Wucherpreisen in der Nachbarschaft privat verkauft. 

Der Winter kommt und Hausangestellte dürfen natürlich auch nicht rein, daher steigt in letzter Zeit die Nachfrage nach Indoor-Fitnessgeräten und Staubsaugerrobotern. Inzwischen werden Handwerkerarbeiten von Nachbarn angeboten, Autos und selbst gemachte Backwaren werden verkauft – die Not macht erfinderisch. Einlass in das Barrio haben neben diversen Lieferdiensten nur Gärtner erhalten, denn Dengue ist auch weiterhin ein Problem.

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Wir haben uns und die Kinder sich

Uns als Familie geht es dabei ganz gut. Wir sind es gewöhnt, unter uns zu sein. Sowohl im fremden Land als auch in Deutschland, wo nicht immer dort Ferien gemacht werden kann, wo die Freunde sind. Und die Familie sehen wir schon seit Jahren nur übers Internet. 

Die Kinder kommen ganz gut klar mit der Situation. Aber wie überall bekommt jeder mal einen Lagerkoller. So sind auch wir in den letzten Tagen ab und zu spazieren gegangen. In unserer Gated Community ist wenig los und mit Mundschutz wurde ein kurzer Spaziergang toleriert. Die Kinder haben in den dreizehn Wochen ein einziges Mal unser Wohngebiet verlassen.

Zu viert haben die Kinder zum Glück immer jemanden, mit dem sie sich austauschen können. Sie vermissen aber ihre Freunde in Brasilien. Da wird fleißig telefoniert und geschrieben. Hier in den neuen Klassen gibt es noch keine Freunde, die Zeit hatte noch nicht ausgereicht. Der Wunsch, sich zu verabreden, ist also nicht groß. Auch wir Erwachsene hatten keine Gelegenheit, private Kontakte zu knüpfen. Ich bin in vielen WhatsApp-Gruppen der Schule, in denen ich praktisch niemanden persönlich kenne.

Ich frage mich oft, was ich der Situation Gutes abgewinnen kann. Schön ist natürlich, meinen Mann im Homeoffice zu haben. So viel Zeit miteinander hatten wir noch nie. Er wäre normalerweise viel unterwegs und kaum zu Hause. Außerdem haben wir angefangen, viel mehr zu kochen und auszuprobieren.

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Wir gehen im Moment immer mal wieder als Familie spazieren. Was früher von den Kindern eher als langweilig befunden wurde, ist jetzt ein schönes Ritual geworden. Diesen Karakara haben wir hier im Barrio fotografiert. Ein stattliches Tier.

Auch ist es riesiges Glück, dass unser Container schon Anfang Februar aus Brasilien ankam. So sind wir in unseren eigenen Möbeln. Schlimmer wäre zudem, in Deutschland zu sein und meine Eltern oder Schwiegereltern nicht in den Arm nehmen zu dürfen. Diese Qual stellt sich zum Glück gar nicht. Vermissen werden wir nach dieser Zeit definitiv die Ruhe – kein Auto- oder Fluglärm im Moment. 

Was uns in dieser Zeit hilft, ist das Internet! Was wären wir ohne die Verbindung zu Freunden und Familie in Deutschland, USA oder Brasilien? Bücher bekommen wir auch über das WWW. Unsere Nachrichten beziehen wir aus den diversen Online-Portalen, ich höre schon seit langem gerne Podcast. Netflix, Mediathek und Co werden ebenfalls gerne angenommen. Online-Unterricht funktioniert logischerweise nur mit Internet. Sicher hat uns auch geholfen, dass wir tagsüber viel mit Schule beschäftigt sind. Langweilig wird uns nicht. 

Wir freuen uns jedenfalls sehr darauf, nach der Corona-Zeit, das ersehnte Reiten wieder aufnehmen zu können, Tennis zu spielen, eine Ballettschule für die Tochter zu finden, die Stadt zu erleben, Argentinien zu bereisen, unser Nachbarn zu einem ‚Asado‘ einzuladen, neue Freunde zu finden und einen Babysitter. Mit oder ohne Mundschutz, das ist mir egal. 

1 Kommentar Neues Kommentar hinzufügen

  1. Mila sagt:

    Spannender Beitrag mit vielen Eindrücken! Wir überlegen auch schon seit längerem Auszuwandern, aber unsere Pläne sind noch nicht sooo konkret. Aktuell stöbere ich wieder mal vermehrt im internet auf verschiedenen Blogs, um noch ein paar Eindrücke davon zu bekommen, was da alles auf uns zukommen würde. Dabei bin ich auf deinen tollen Blog hier gestoßen :D Durch Corona ist ja aktuell sowieso alles ein wenig schwieriger, aber dann noch, wenn man praktisch gerade neu in einem Land angekommen ist und sich noch einleben muss? Buuuh, schwierig :-/ ich wünsche der Gastschreiberin auf jeden Fall alles Gute und dass Sie und Ihre Familie sich hoffentlich bald richtig einleben und die Zeit genießen können :)

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