Aus erster Hand

Die Stadt schweigt und die Vögel singen

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Vor einem Jahr sprach ich mit Tina in meiner Interviewreihe „Neu in…“ über ihren Start in Mexiko-Stadt. Inzwischen ist viel passiert und sie erzählt heute in einem Gastbeitrag, wie sich ihr Alltag seit der Pandemie verändert hat.

Corona-Alltag in Mexiko-Stadt

Ein Gastbeitrag von Tina Dunkel

Inspiriert von der Blogparade ‚Mein Corona-Alltag in 10 Bildern’ von Expatmama Vicky von ‚Flausen und Wunder‘ und motiviert von Jonna, über den Lockdown in Mexiko zu schreiben, jedoch ohne einen eigenen Blog zu haben, schreibe ich einfach mal los.

Der Gesundheitsnotstand ist in Mexiko seit dem 1. Juni aufgehoben, obwohl die Infektionssituation kritisch ist. Die Zahl der Infizierten und Todesopfer steigt mehr, als dass sie sinkt, besonders in der überfüllten Hauptstadt. Es wird zu wenig getestet. Die Dunkelziffer liegt aus Expertensicht um den Faktor 8 über den offiziellen Zahlen. Nur so scheint es realistisch.

Mehr Opfer sind auch hier in den Armenvierteln zu beklagen als in den wohlhabenden Gegenden. Wir haben aber auch in mehreren Gebäuden um uns herum gemeldete Covid-Fälle. Empfohlene Vorsichtsmaßnahmen werden grundsätzlich eingehalten. Zumindest in unserem Viertel. Die Mehrheit der Nachbarn flieht jedoch jetzt in ihre Sommerhäuser mit Beginn der um 5 Wochen vorgezogenen Sommerferien.

Und wie geht es uns in dieser Zeit?

1 Stille

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Plötzlich war sie da, die Stille. Eine 22 Millionen Stadt im Stillstand. Die Stadt hatte auf ‚Pause’ gedrückt. Kein Brummen der Autos mehr, kein Dröhnen, kein lautes Klirren, kein unterschwelliges Schwirren und kein ständiges Flirren mehr. Keine Lautsprecherwerbung mehr, kein Hupen und Tröten, kein LKW-Brummen mehr im 1. Gang, kein Rasenmäher, kein Hämmern und kein Klopfen, kein aufdringliches Geräusch mehr.

Die Stadt hatte aufgehört zu pulsieren und war in sich gekehrt. In sich gekehrt, was der Mexikaner kaum kennt, zwar immer innerhalb der Familie agierend, aber immer laut und einnehmend nach außen.

Es war, als ob die Stadt ihre Stimme verloren hätte. Eine Wohltat. Für mich.

2 Vogelgezwitscher

Mit der Stille kamen die Vögel zurück. Sie waren nie wirklich weg. Doch sie verstummen im Alltag mit den ersten Bussen, LKW Lieferungen und dem Berufsverkehr noch vor 5:30 Uhr. Wenn die Nacht mal kurz war, konnte ich sie durch die einfach verglasten Fenster hören. Ihr Gesang, ihre Gespräche mit- und untereinander, die Grazie ihrer Stimmen bezaubern überall auf der Welt und eben auch hier in dieser Millionenstadt.

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Nun höre ich sie singen bis weit in den Vormittag hinein. Und dies ist eines der guten Dinge, die ich jeden Tag genieße.

3 Aufmerksamkeitsübung

Die ersten Wochen besuchten wir täglich einen Park. Wir gingen immer die gleiche Runde, manchmal liefen wir andersherum, vom Ende zum Anfang oder nahmen Abzweigungen, um erneut eine Acht zu laufen und mindestens auf unsere Schritte zu kommen. So viele Möglichkeiten zum Spazierengehen und Laufen gibt es hier in der Stadt nicht, da das Laufen auf dem Bürgersteig, falls vorhanden, oft aus Sicherheitsgründen schwierig ist. So wurde dieser Park unsere einzige Möglichkeit, ein bisschen in der Natur zu sein, ein bisschen was anderes zu sehen in der Isolation und dem Lockdown. Wir kannten schnell alle Bäume, Büsche und Blümchenansammlungen, bestaunten Kakteen und ihre Knospen, trafen die immer gleichen Reiher, Gänse und Enten und Eichhörnchen und entdeckten schließlich auch Nachtreiher und eine Katze am See.

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Das mag langweilig klingen, für uns war es wie eine Achtsamkeitsübung: Wir betrachteten Rinde, Nadeln und Zapfen, staunten über den Flugschlag des Reihers, das Gemecker der Enten, das Anbiedern der Horden von Fischen am Ufer. Meist trafen wir dieselben Besucher. Man nickte sich zu, registrierte die Anwesenheit und ging weiter. Vor Beginn der Regenzeit ist es hier sehr trocken, staubig und ein wenig schmuddelig. Im März und April scheinen Mexikos lila blühende Bäume das wettzumachen. Die Jacarandas ließen ganz Mexiko-Stadt und auch den Park in sattem Lila erstrahlen und leuchten.

4 Familienzuwachs

Wir mussten mal in unserem Kabuff aufräumen, Sache aussortieren und auch verschenken. Einer befreundeten Tierschutzorganisation spendeten wir allerlei und trafen beim Vorbeibringen den Initiator mit gleich drei Hunden vom Gassi gehen kommend. Aus einem Impuls heraus nahm ich eine Leine, drückte sie meinem Sohn in die Hand, grinste meinen Mann an und noch am gleichen Abend entschieden wir uns für eine Probezeit mit der fast einjährigen Straßenhündin.

Sie wirbelte ganz gewaltig unseren Corona-Alltag durcheinander. Doch wir entschieden im Familienrat, dass wir sie nicht mehr hergeben konnten. Nach 16 Jahren Katze, 2 Jahre ohne Tier, zog also Luna bei uns ein. Sie ist eine wahre Zuckerschnute, legt an Gewicht zu und blüht auf und wir gleich mit ihr.

Jeder Morgen ist ein Fest für sie und lässt uns immer wieder lächeln.

5 Brasilianisches Online Training

Gleich am Anfang der Beschränkungen war uns klar, dass wir nicht einrosten durften. Nach nur einigen Wochen wurde der Park gesperrt und das lieb gewonnene Spazierengehen hörte schlagartig auf. Gut, dass wir mit Anfang April eine Möglichkeit gefunden hatten, uns zu bewegen: Unser ehemaliger brasilianischer Trainer bot in der Krise online Training an und wir lieben es, fit zu bleiben, wieder Portugiesisch zu sprechen und dabei ganz viel zu lachen.

6 Kreative Auszeiten

#quedateencasa #quedatevivo übersetzt: Bleib zuhause – bleib am Leben, sind die Anweisungen der Regierung. Auf roten Plakaten gedruckt und zu lesen an jedem Bushäuschen, jeder verfügbaren Werbetafel oder Freifläche.

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Damit fiel meine/unsere Suche nach Streetart, Kunst auf und von der Straße, weg. Und so habe ich virtuell bei verschiedenen Kunstkursen, Retreats und Creative Sit-Ins mitgemacht. Ich habe für einige Wochen den Fokus wieder auf die eigene Kreativität und den eigenen Ausdruck gelegt, weg vom Suchen nach anderer Leute Kunst und der Suche nach den schönen Details und Dingen im Unschönen und vielleicht Schmuddeligen einer Megacity. Das war sehr schön, inspirierend und kurzweilig.

(Nichtsdestotrotz ist die Kunst der Straße mein Element und ihr könnt auf meinem Instagram Account lenins_choice meine Auswahl an versteckten schönen Momenten der ein oder anderen Stadt finden.)

7 Wohnung mit Aussicht

Dass unsere Wohnung in Mexiko-Stadt Aussicht haben musste, war eines der wichtigsten Kriterien bei der Auswahl. Und wir haben eine mit wechselnden Sonnenuntergängen und Wolkenspielen schöne Aussicht über die Stadt mit Bergen und Sicht auf tausende von Hochhäusern und Häusern. Ein Blick in die Ferne lässt oftmals das ein oder andere Problem kleiner erscheinen. Aus Wolken Tiergestalten zu erahnen, die vielen einzelnen Bergkuppen, die noch höher als unsere 2500 m sind, auszumachen im Wechselspiel der Wolken, im Dunst der Luftverschmutzung oder bei sehr klarer Luft, ist ein tägliches Aha-Erlebnis.

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Unser Balkon hat uns jetzt in den 13 Wochen Nicht-Rausgehens oft geholfen, sei es, dass wir unsere Mittagessen nach draußen verlegt haben, die Hängematte benutzt haben oder das online Training dort hatten. Der Hündin bringt es sowieso Freude, nachmittags mit mir Vitamin D zu tanken.

8 Familie

Wir haben uns in der Krise als Familie immer wieder neu justiert – am Anfang fast jeden Tag. Homeoffice und Homeschooling, keine freie Minute für sich, dafür immer zusammen und dennoch meist nur ein Treffen in der„Teeküche“. Das machte Familie-sein auf einmal schwieriger. Jedem mit seinen Befindlichkeiten, seinen Wünschen, seinen Sorgen gerecht zu werden, führte zu vielen Gesprächen, auch Streitigkeiten. Aber wir haben es geschafft, auch wenn wir an manchen Tagen daran gezweifelt haben.

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Gemeinsam spielen, gemeinsam lachen, gemeinsam Zeit zu verbringen war das Ziel unserer wenigen freien Zeit.

9 Italienische Klassiker

Mit Take-away Essen und Restaurantbesuchen haben wir so unsere Schwierigkeiten hier in Mexiko, hat uns doch zu oft Montezumas Rache heimgesucht. Gut, die wenigen Restaurants, die wir in eineinhalb Jahren für gut erkoren haben, waren nun auch geschlossen, so erweiterten wir unser Menu um so einige italienische Mahlzeiten. Lebensmittel waren wie alles andere in unserem Viertel der Stadt zu jedem Zeitpunkt verfügbar. Auch Klopapier!

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Mit Essenplan, guten Zutaten und Rezepten sind wir ganz gut ums Eck gekommen. Einige deutsche und auch brasilianische Gerichte durften natürlich nicht fehlen. Und doch freut sich mein Sohn schon, wieder Tacos al Pastor zu essen.

10 Woche 13

So, das waren meine 10 Corona Momente in Bildern. Sicher waren nicht alle Tage einfach. Woche 7 waren wir alle auf dem absoluten Tiefpunkt, haben uns dann in Woche 8 wieder rausgezogen und versuchen das Beste aus allem zu machen.

Mit einem Lächeln – auch in Woche 13 mit vorgezogenen Sommerferien, mit Sommerkursen der Deutschen Schule, mit Sonnenschein und recht guten Luftwerten, mit endlich Zeit, ein Buch zu lesen oder zu reflektieren, was kann weg, was darf bleiben, was wird anders, was haben wir alle gelernt und mit noch mehr Fragen, die in den Sinn kommen, während der Blick in die Weite gerichtet ist.

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2 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

    1. Tina Dunkel sagt:

      Vielen lieben Dank, Vicky, für Deine lieben motivierenden Worte. Ich habe sie jetzt erst gelesen.
      Herzliche Grüße zurück aus Mexiko Stadt, Tina

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