Unser Glückskeks im Juli: Guiling und die Sache mit dem Luxusklo

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Der Tag fing nicht gut an: Erst regnete es aus unserer Klimaanlage, die Duschtür krachte aus den Angeln und zerbrach in tausend Scherben, und dann war plötzlich unsere Tochter verschwunden. Gerade als ich mir durchrechnete, wie viel man auf dem chinesischen Schwarzmarkt wohl für ein dreijähriges, blondes Mädchen bekäme, fand ich sie im Schlafanzug vor dem Haus mit den Wus, unseren Nachbarn. Herr Wu putzte sich die Zähne, seine Frau schlitzte mit Amélie kleine Schlangen auf. Sie schnitten die Köpfe ab und wuschen das Blut im Waschbecken aus. “Wu fan”, sagte Frau Wu fröhlich, Mittagessen, wischte die blutigen Finger an ihrem Schlafanzug ab und wuschelte dann Amélie durchs Haar.

Einatmen, ausatmen, ganz ruhig. Das lernt man schnell in Shanghai. Dann konzentriere ich mich auf meine heutige Tagesaufgabe: eine Ayi zu finden. Ayi heißt wörtlich übersetzt Tantchen. Jeder Ausländer in China braucht ein Tantchen, sagte man mir, denn Tantchen sind billig und machen alles: Putzen, Waschen, Kochen, Kinderbetreuung. Na wunderbar. Erst habe ich meinen Job gekündigt, jetzt wurde ich auch noch zu Hause arbeitslos. Was all die anderen Tai Tais denn hier so machen, den ganzen Tag, fragte ich eine Kindergartenmutter. Kein Problem, sagte sie: Chinesisch lernen, Shopping, Maniküre, Pediküre, Fußmassage, Tai Chi, zum Fake-Markt fahren, zum Yogastudio, zum Charity Bazar und wieder zurück. Und wenn ich mich wirklich sehr langweilte, könnte ich immer noch chinesische Waisenhäuser besuchen.

Daraufhin klagte sie mir ihr Leid mit den Ayis. Die erste habe sie beklaut, die zweite in ihrem Jacuzzi gebadet und die letzte dem Ehemann gegen “extra money” splitternackt Sex angeboten. Kurz darauf erhielt ich von einer Ayi-Agentur per SMS zwei Vorschläge: Miss Zhao, 28, und Guiling, 50. Ich sympathisierte spontan mit der Fünfzigjährigen. Sie erschien noch am selben Tag  in einer geblümten Schlafanzughose. Guiling ist nicht größer als 1,50 Meter, kompakt und zupackend. Das ist auch gut so, denn in unserem Haus wartet ihr erster Härtetest auf sie: Eine unserer “Luxury Toilets” (so steht es im Mietvertrag) hat ihren gesamten Inhalt (Durchfall aller Familienmitglieder) im Erdgeschoss verteilt. Guiling übersteht ihn mit Bravour. Wirft einen skeptischen Blick auf meinen teuren Vileda-Import-Wischmop (“No good!”) und kauft beim Höker gegenüber erst einmal ein chinesisches Modell: einen Holzstiel, um den zerrissene bunte Stoffreste gebunden sind. Nach einer kurzen Hausbesichtigung (“Old house, no good!”) schwingt sie sich auf ihr Mountainbike und kehrt mit sechs Tüten voll Putzmittel und Gemüse zurück.

Er bu er?” Guiling zeigt auf die Gemüsetüte. Ich blättere im Ayi-Ratgeber, Kapitel “Fragen an die Tai Tai” und finde folgende Übersetzung: “Hungrig, nicht hungrig?” Ich nicke und sehe in die Tüten. Darin sind diverse grüne Stängel, Blätter, Shrimps, Hühnchen, Tomaten, es sieht knackfrisch und köstlich aus. Für einen Moment vergesse ich, dass man uns eindringlich vor chinesischem Gemüse gewarnt hat (voller Pestizide), außerdem vor chinesischem Fleisch (voller Anabolika). Egal, wir werden es schon überleben. Guiling packt das Gemüse ins Waschbecken und lässt es voll Wasser laufen. Das Leitungswasser in Shanghai ist gelb, deswegen haben wir in alle Toiletten Klosteine mit Meeresduft geworfen, dort ist das Wasser jetzt blau, und wenn man pinkelt, wird es grün. Amélie verbringt deswegen jedesmal mindestens eine halbe Stunde auf dem Klo, weil sie zusieht, wie sich die “Zauberfarbe” ändert. Aber zurück zum Gemüse: Es schwimmt im gelben Wasser und jetzt schüttet Guiling eine Ladung grünen Spülmittels darauf. Ich stoße einen hysterischen Schrei aus, dann erklärt sie mir (“very good, me show you”), dass die grüne Schaumflasche kein Spülmittel, sondern Gemüsewaschmittel ist. Einatmen, ausatmen, wir werden auch das überleben. Und Durchfall haben wir eh schon.

Miriam Collée zog 2008 mit Mann und Kind nach Shanghai. Der Text ist ein Auszug aus ihrem Buch “In China essen sie den Mond“, in dem sie ihr erstes Jahr in China beschreibt. Inzwischen lebt sie mit zwei Kindern (und demselben Mann) in Montreal.

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