Expatmamas-Expertin

Das Expatleben und die Wechseljahre

Im postpartalen Hormonstrudel nach der Entbindung das erste Mal ins Ausland zu gehen, war keine leichte Sache für mich. Naiv dachte ich 14 Jahre später, jetzt wäre es einfacher beim zweiten Auslandsumzug. Ha! Da hatte ich die Rechnung wieder ohne die Hormone gemacht, die nun im Auf und Ab der beginnenden Wechseljahre mir die Umstellung schwer machten. Kommt dir bekannt vor?

Wer eine gewaltige innere, körperliche Umstellung meistern muss, der kämpft mit der äußeren Umstellung oft mehr als gedacht. Beim Klima geht es schon los: Plötzlich in der schwülen Südstaatenhitze, wenn man das Gefühl hat innerlich zu kochen? Die Klimaanlage wird entgegen aller Vorsätze doch deine beste Freundin. Frisch und voller Tatendrang alles Neue erkunden? Ja – wenn man denn nachts schlafen würde, dann hätte man dafür auch Energie. Das Gefühlsaufundab der Kinder auffangen? Ginge auch besser, wenn die eigene Ausgeglichenheit nicht dem Jojo-Effekt der unregelmäßigen Zyklen zum Opfer fiele. 

Klar, dass ich hellhörig wurde auf der „Ich bin Expat“-Konferenz im November, als ich las, dass Susanne Leitner genau zu diesem Thema sprechen würde. Und ich freue mich, dass sie gleich JA! gesagt hat zu einem Gastbeitrag hier. Denn wir finden beide: Es wird zu wenig über das Thema gesprochen. 

Wechseljahre und das Leben im Ausland

Ein Gastbeitrag von Susanne Leitner

Alles fing damit an, dass meine Periode von Monat zu Monat heftiger und schmerzhafter wurde. Manchmal dachte ich, innerlich ginge ein blutiger Großkampf ab. Heute weiß ich, es sind die ersten Anzeichen der Perimenopause – also die Phase vor der eigentlichen Menopause.

Ich war ungefähr 48 Jahre alt – wir lebten schon seit knapp 8 Jahren in New York, meine Kinder im besten Teenager-Alter und mein Mann arbeitete 3500 km entfernt in Colorado. Wir hatten gerade ein altes Haus gekauft und lebten in und auf einer Baustelle. Was soll ich sagen, viel Stress auf allen Ebenen. 

Körperlich veränderte sich mein Aussehen: Plötzlich hatte ich ein rundes Gesicht, alles blähte sich auf speziell um die Körpermitte. An Durchschlafen war fast keine Nacht mehr zu denken – zwischen 2 und 3 Uhr war ich hellwach und morgens gerädert.

Mama allein mit sich 

Seelisch war ich oft tief erschöpft, Wutausbrüche und Zweifel an unserer Lebensphase an der Tagesordnung. Ich suchte nach neuen Inhalten, war mit mir selber unzufrieden. Meine Freundinnen zogen eine nach der anderen wieder zurück nach Deutschland oder in ein anderes Ausland. Zum Ausheulen blieb kaum eine(r) übrig und neue Bekanntschaften in der Expat Community erlaubten mir nicht, mich vertrauensvoll zu öffnen.

Die Freundinnen in Deutschland konnten leider auch nicht viel dazu sagen: Entweder hieß es, „Da bin ich noch weit entfernt“, „Solche Symptome kenne ich nicht“ oder “Mein Gynäkologe hat mir bestätigt, ich bin noch lange nicht in den Wechseljahren”. Oder aber in Telefongesprächen blieb kein Raum für dieses sensible Thema.

Damals dachte ich, dass alles besser woanders ist als hier – nichts wie weg – der typische Fluchtgedanke. Dazu kamen Selbstzweifel und der Wunsch meinem Leben mehr Inhalt zu geben. 

Wer in dieser Phase frisch ins Ausland geht, der wird diese Zweifel, die Niedergeschlagenheit und die Fluchtgedanken vielleicht dem Expatleben zuschreiben. Und es ist tatsächlich nicht leicht zu erkennen: Welches Empfinden ist den Wechseljahren geschuldet und welches den neuen Lebensumständen. 

Was helfen kann

Mir hat damals meine Coaching-Ausbildung geholfen, mich zumindest über Wasser zu halten und Hilfe zu suchen. Über mein Netzwerk habe ich viel Peer Coaching gemacht – sprich, ich wurde gecoacht und coachte meine Kollegen. Die Termine habe ich genutzt, mir Klarheit über mich und meine Wünsche zu schaffen. Meine Homöopathin hat viel von meinem Kummer abbekommen und die für mich richtigen Mittel gegeben. Akupunktur hat die Stressspitzen abgefangen. Ich fing an Yoga zu praktizieren. Alles mehr oder weniger unbewusst. Ach ja, und dann kam auch der Familien-Hund, den ich mir schon lange gewünscht hatte. 

Heute weiß ich, nachdem ich mich mit den Wechseljahren und deren Auswirkungen intensiv auseinandergesetzt habe: Ich hätte es mir viel leichter machen können. Keine Frau sollte darunter leiden und diese Phase auch nicht einsam im stillen Kämmerlein erleben. Gerade nicht, wenn sie im Ausland lebt und das soziale Netz fehlt.

Tipp: Ich empfehle zum Beispiel für den Anfang das Buch: Woman on fire – Alles über die fabelhaften Wechseljahre von Dr. med. Sheila de Liz. 

Dr. Seila de Liz
Woman on Fire
ISBN: 978-3-499-00317-2
288 Seiten
16 EUR

Außerdem plädiere ich für ein bewusstes Erleben dieser Zeit und sich den Veränderungen des Körpers, des Geistes und der Seele aktiv zu stellen. Es öffnen sich ganz neue Perspektiven und mit einer gewissen Neugier auf sich selbst ergeben sich auch plötzlich Chancen. Außerdem gibt es Hilfen in Form von Hormontherapien und viele diverse andere Möglichkeiten. Das Wissen darüber ist hier sehr wichtig, um für sich Entscheidungen treffen zu können.

Wechseljahre versus Pubertät – Chancen für einen Neuanfang

So wie unsere Kinder die Pubertät als Loslösen von der Eltern erleben, ergeht es uns umgekehrt. Auch wir müssen loslassen lernen, von den Kindern, eventuell Großeltern, dem Körper, wie wir ihn kannten – dafür schaffen wir Platz und Raum für die Dinge, die uns heute mit unserer Lebenserfahrung wichtig sind. 

Wir werden stärker, weil wir nun viel besser wissen, was wir wollen und was nicht. 

Übrigens sehr schlau von Mutter Natur: Das Kuschelhormon Östrogen nimmt ab (unser Bestreben sich zu kümmern) dafür wächst der Wunsch, wieder seine eigenen Bedürfnisse in den Vordergrund zu stellen. Das bietet uns Raum Chancen wahrzunehmen und sie auch umzusetzen.

Wissen um die Wechseljahre ist wirklich wichtig, damit wir gut vorbereitet sind. Schließlich haben wir doch vor der Geburt des ersten Kindes auch ewig Ratgeber gewälzt.

Für mich steht im Vordergrund eine Balance herzustellen:

  • Achtsamkeit praktizieren
  • Selbstliebe und Selbstfürsorge in den Vordergrund stellen 
  • Prävention: Vorsorgetermin nie verpassen 
  • Den Körper fit halten mit einer ausgewogenen Fitness: Kraft und Ausdauertraining
  • Auf gesunde Ernährung achten
  • Stress reduzieren
  • Verstärkt Ruhe und Erholungsphasen einplanen 
  • UND: mit anderen darüber sprechen. Traut euch.

Heute mit 56 Jahre bin ich in der sogenannten Postmenopause, also der Zeit nach der letzten Periode. Die unruhigen Zeiten sind vorbei. Ich bin viel gelassener, ich muss nicht mehr alles mitmachen. Meine Hormone haben sich einigermaßen eingependelt und juhu ich schlafe wieder wie ein Stein! 

Auf mich achten muss ich trotzdem: Durch die Verringerung der Östrogene geht mein Cholesterin-Spiegel konstant nach oben – sehr ärgerlich. 

Fazit: Die Wechseljahre sind eine Zeit der Neufindung, eine Transformation auf allen Ebenen, die ein Weilchen brauchen. Es heißt ja auch Wechseljahre. Jeder von uns erlebt sie unterschiedlich und was für die eine gilt muss noch lange nicht für die andere gut sein. Es ist aber eben auch eine spannende Reise zu sich selbst. Und wenn für dich diese Reise im Ausland beginnt, dann solltest du besonders genau hinschauen.

Hermann Hesse bringt es so schön auf den Punkt in seinem Gedicht „Stufen“: 

Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginn.

Susanne Leitner ist Expat und Gründerin der Coaching-Praxis amoveocoaching.
Sie unterstützt Frauen in den Wechseljahren sich neu (oder wieder) zu entdecken und mit neuem Mut, Achtsamkeit und Selbstfürsorge diese Zeit erfüllt und mit einer Portion Gelassenheit zu gestalten. 
Susanne lebt mit ihrem Mann, zwei erwachsenen Kinder und ihrem Hund Beau in New York.

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