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Frisch gelesen: Fanny Cloutier

Frisch gelesen: Fanny Cloutier - www.expatmamas.de/blog/ #japan #buchtipp #imauslandzuhause

Dieses Buch ist ein Hingucker!! Gott sei Dank, denn sonst hätte ich es vielleicht übersehen. Als ich „Fanny Cloutier“ entdeckte und dann noch im Klappentext die Stichworte „Japan“, „beste Freundin weit weg“ und „Tagebuch“ las, war für mich klar, dass ich dieses Buch für euch lesen MUSS. 

Ich stürze mich ja schon fast reflexartig auf alles im Kinder- und Jugendbuchsegment, was die Lebenswelt von Expatkindern berührt (oder auch nur entfernt berühren könnte). Denn es gibt immer noch zu wenige Geschichten, in denen sie sich wiederfinden können.  

Fanny Cloutier ist eine der seltenen Protagonistinnen, die genau das erlebt, was Expat-Teens „erleiden“: Ihr Dad „verschleppt“ sie nach Japan. „JAPAN!“ wie Fanny mit Großbuchstaben und Ausrufezeichen in ihr Tagebuch schreibt und ergänzt:

„Drei Gründe, warum Japan gar nicht geht: 

1) Dort isst man nur Sushi und faltet Origami (glaube ich zumindest!)

2) Meine beste Freundin Leonie ist 10.000 Kilometer entfernt 

3) Henri ist nicht bei mir (mein Vielleicht-Freund?!)“

Stéphanie Lapointe: Fanny Cloutier – Das Jahr in dem mein Herz verrücktspielte

Die Geschichte

Fanny ist fast 15 Jahre alt, lebt eigentlich im frankophonen Teil Kanadas und schlägt sich gerade mit den Mühen und Missverständnissen ihrer ersten Liebe herum, als ihr Vater beschließt, nach Japan zu ziehen. 

Fanny ist nicht nur nicht begeistert, sondern bei ihrer Ankunft regelrecht auf Krawall gebürstet. Sie versucht ihre neue Umgebung zu ignorieren und alle Bemühungen ihres Vaters zu sabotieren. Ihr Liebeskummer überstrahlt ihr Heimweh (oder ist ihr Heimweh?) und ihre Geschichte ist in erster Linie eine Geschichte über Freundschaft und erste Liebe, nicht umsonst heißt der Untertitel „Das Jahr, in dem mein Herz verrücktspielte“. 

Das Buch ist Fannys Tagebuch und Band 2 einer Reihe (Band 3 wird im Herbst erscheinen) und wurde natürlich in erster Linie für Teenage-Mädchen im Allgemeinen geschrieben. Der Autorin Stéphanie Lapointe gelingt es gut, den impulsiven Ton zu treffen, das Himmelhochjauchzend und Zutodebetrübt einzufangen, das Boah-sind-Eltern-anstrengend authentisch zu machen. Einzelne Passagen sind als Chatverläufe erzählt und sprachlich kommt sie der Lebenswelt eines Teenagers sicher nah.

Eine Prise Japan

Inhaltlich hätte die Autorin das Japan-Thema aus meiner Sicht mehr ausschöpfen können (aber da habe ich auch immer die Expat-Brille auf.)

Ich hätte mir ein bisschen mehr Kulturelles gewünscht, nicht nur ab und zu eingestreute, punktuelle Stichworte wie Geisha, Origami oder Sushi. Bis auf eine unselige Episode mit einem jahrhunderte alten, kostbaren Bonsai hat das Japanische keinerlei Einfluss auf den Fortgang der Geschichte. 

Das Thema „Sprache“ etwa wird am Anfang gestreift, aber nie erwähnt, wie Fanny mit dem Lernen zurechtkommt; es bleibt offen, ob und was sie in diesem Jahr an Japan lieben lernt.

Manchmal blitzt ein bisschen Alltagskultur auf, etwa dass man sich in jeder Wohnung die Schuhe auszieht und die Menschen auf kleinem Raum leben.

Kyoto hingegen bleibt schemenhafte Kulisse. Am Anfang will Fanny in ihrer inneren Abwehr die Stadt gar nicht sehen, aber auch später, als sie mit ihrem neuen Freund eine kleine Stadttour macht, werden keine Orte benannt. Der konkreteste Ort ist ein Katzencafé, das Fanny ihrer Freundin in Kanada als typisch japanisch beschreibt. Sicher ist für Teenager ein exotisches Café spannender als ein alter Tempel, aber so bleibt die Stadt fast ein wenig beliebig.

Eine Unze Expat-Leben

Sehr gut gelungen finde ich dagegen, wie Stéphanie Lapointe einfängt, was das Expat-Leben sonst noch mit sich bringt:

  • wie Fanny sich übergangen sieht bei der Entscheidung ihres Vaters,
  • wie allein sie sich fühlt in der neuen Umgebung,
  • wie aufgeschmissen sie ist, da sie nichts lesen kann in den Straßen und auf die Hilfe anderer angewiesen ist,
  • wie erleichtert sie ist, zu entdecken, dass sie an der Schule nicht die einzige Neue ist,
  • wie schön sie es findet, als sie nach Wochen endlich mal wieder mit einem Mädchen reden kann, wie man eben unter Freundinnen redet,
  • wie schwer es ist, Probleme mit Freunden aus der Welt zu schaffen, die tausende Kilometer entfernt sind
  • und wie lästig die Zeitverschiebung ist.

Sichtbar wird auch in der Figur von Madame Manaka, dass wir alle ohne die unvoreingenommene Zugewandtheit eines Einheimischen ziemlich aufgeschmissen wären im Ausland.

Und ganz viel Gestaltung

Opulent ist das Buch, was die Gestaltung betrifft. (Welches Buch in dieser Altersklasse bietet schon mehr als ein paar Vignetten auf den Innenseiten?) 

Jede der über 400 Seiten ist grafisch gestaltet. Handlettering, Skizzen, doppelseitige Zeichnungen, mal wie mit Pinsel, mal wie mit Bleistift oder buntem Filzstift gemalt, wechseln sich ab. Das Buch ist optisch unglaublich lebendig, authentisch und beim Lesen sehr kurzweilig. 

Manche Ideen sind sehr detailverliebt und aufwändig umgesetzt: zwei Briefe sind als Umschlag bzw. gefaltete Seite eingeklebt – ein kleines interaktives Element, wenn man sie als Leser öffnen darf.

Wer Papeterie liebt und ein Faible für schöne Notizbücher hat, der wird das Buch schon beim Blättern lieben. Die Seiten sind ein Augenschmaus. Einzig: auch hier hätte es für meinen Geschmack ein bisschen mehr Japan sein dürfen.

Fazit: Eine charmante Liebesgeschichte vor japanischer Kulisse, die sicher auch Mädchen anspricht, die ans entgegengesetzte Ende der Welt und nicht nach Japan ziehen müssen. In meinen Augen vielleicht nicht unbedingt ab 11 Jahren – zumindest meine Tochter hätte mit 11 noch nicht vom „fast ersten Mal“ lesen wollen – aber definitiv für alle, die ihre Eltern reichlich doof finden, dass sie sich sowas wie einen Umzug ins Ausland ausgedacht haben. Auch wenn man Band 1 nicht kennt, kann man der Geschichte gut folgen. Wichtiges aus der Vorgeschichte greift Fanny in ihren Tagebuch-Erzählungen wieder auf. Dafür endet der Band mit einem Cliffhanger – denn es bleibt offen, ob Fanny nach Kanada zurückkehrt oder die Reise weiter geht auf einen anderen Kontinent. Vielleicht muss ich also noch Band 3 lesen. ;-)

Frisch gelesen: Fanny Cloutier - www.expatmamas.de/blog/ #expatmamas #buchtipp #imauslandzuhause

Stéphanie Lapointe
Fanny Cloutier – das Jahr in dem mein Herz verrücktspielte*
Illustrationen: Marianne Ferrer
Loewe Verlag 2021
421 Seiten
ISBN: 978-3-743208261
16,95 EUR
Ab 11 Jahren

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Mehr zu Japan findest du auf dem Blog hier.

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