Hört den Mädchen endlich zu! – #lautwerden

Hört den Mädchen endlich zu - www.expatmamas.de/expatmamas-blog/ - #lebenmitkindern #starkemädchenExpatmamas heißt mein Blog – weil ich Expat war und Mama bin und über Themen schreibe, die Mamas im Ausland beschäftigen. Einige Probleme und Fragen stellen sich nur durch das Leben im Ausland, andere aber scheinen mir universell und deswegen schreibe ich auch manchmal über die Dinge, die mich als Mama zweier Teens im Hier und jetzt beschäftigen – Mama denkt (sich ihren Teil) heißt die Kategorie hier auf dem Blog. Und heute denke ich ziemlich laut, denn in mir gärt es, brodelt es, weil ich zwar gelernt habe, Vieles als kulturell gegeben hinzunehmen, aber für Manches keine Toleranz aufbringen kann: wenn ich z.B. erlebe, wie wir in bequemen Denkmustern reagieren gerade Mädchen gegenüber. 

Wir alle wollen heutzutage starke Mädchen. Wir lieben Bücher wie die Good Night Stories for Rebel Girls, regen uns kollektiv auf über pinkfarbene Legosteine und beklatschen den Girls Day in Papas Firma. So weit. So gut. Und dann kommen die Kinder in die Pubertät und die Hormone lassen die Achselhaare sprießen und die Mädchen-Jungen-Neckereien nehmen zu. Man klaut sich die Mützen gegenseitig vom Kopf und jagt sich über den Schulhof. Irgendwann kommt einer auf die Idee, die Mädchen mit Sprühdeo im Anschlag zu verfolgen. Ein anderer hält Kastanienwerfen für das probate Mittel. Die ersten weinen. Beschweren sich. Und was bekommen sie zu hören?

“Die Jungs wollen doch nur eure Aufmerksamkeit. Nehmt es als Kompliment.” Oder: “Ignoriert sie halt.”

Welche Botschaft senden wir mit einem solchen Satz? Man darf sich benehmen wie der letzte Mensch, aber das ist ok, weil die Absicht ja nicht böse ist?

Gruppenarbeit wird zum Albtraum. Selbst bei Gruppen, die nach Jungs und Mädchen getrennt sind, gelingt es Jungs-Gruppen, die Arbeit der Mädchen durch Radau zu stören. Und was bekommen die Mädchen zu hören?

“Die Jungs sind halt in einer schwierigen Phase.”

Aha. Was soll das heißen? Sollen die Mädchen ihre berechtigten Ansprüche darauf, in Frieden arbeiten zu können, zurückstecken, weil andere sich nicht im Griff haben? Ist damit nicht die Botschaft an die Mädchen “Macht euch klein und lasst es vorübergehen?” Leben wir ihnen damit nicht vor, ohnmächtig zu sein, sich nicht wehren zu können?

Solche Sätze wecken die Rebellin in mir, denn wir sagen damit den Mädchen, den gleichen Mädchen, denen wir die Rebel Girls zu lesen geben, dass sie sich nach der Decke strecken sollen, obwohl nicht sie es sind, die andere mit Dingen bewerfen, laut sind und gehässig, und – wie jüngst bei uns – Klassenkameraden gefesselt durch den Schlosspark ziehen.

Meine Tochter versucht sich zu wehren – mit Worten, wie sie es gelernt hat. Und was bekommt sie zu hören von den Drangsalierern? “Fick dich!” und “Ist mir doch egal, was du willst!” Die Jungs sind also in einer schwierigen Phase und wollen nur Aufmerksamkeit? Und später, wenn sie einer grob anpackt, heißt es dann vor Gericht, das war nicht so gemeint? Gott sei Dank, sind wir juristisch da einen Schritt weiter.

Wenn die Mädchen wie meine Tochter jüngst in ihrer Verzweiflung und Wut schließlich weinen, dann werden sie von denen, die die Tränen ausgelöst haben, im Beisein der Lehrerin auch noch verhöhnt: “Oh, das tut mir jetzt aber leid.” (Das Grinsen dazu müsst ihr euch denken.) – Sie werden nicht getröstet, nicht ernst genommen, nicht gehört. Die anderen nicht zur Rechenschaft gezogen. Es scheint mir, die Verursacher haben keine Konsequenzen zu befürchten.

Und was tun die Mädchen? Sie versuchen, sich inzwischen irgendwie einzurichten, drum herum zu lavieren und damit sind sie bestens darauf vorbereitet, später einmal den Männern nicht in die Quere zu kommen. Mund halten? Wegducken? Sonst ist man ja eine Petze.

Ich frage mich: Soll das wirklich unsere unterschwellige Botschaft sein?

Meine nicht. Ich will, dass meine Tochter immer für sich eintritt, wenn sie sich belästigt, gestört, angegriffen fühlt und nicht aufgibt: “Hat ja eh keinen Sinn. Die sind halt so.”

Warum sollten diese Jungs mit ihrem Verhalten die Regeln, das Zusammenleben bestimmen dürfen? Warum fordert man sie nicht? Weil das schwieriger ist, als die Mädchen zum Ignorieren anzuhalten?

Ich bin auch Jungs-Mama und natürlich weiß ich, dass Jungen in einer Klasse in sehr unterschiedlichem Maße zu solchen Konflikten beitragen. Es kann doch nicht sein, dass einige wenige Rädelsführer ihre Maßstäbe (die wohl nur heißen: “Leckt mich doch!”) einer ganzen Gemeinschaft aufzwingen und die Erwachsenen sie indirekt decken, indem sie die Beschwerden der anderen abwiegeln mit solch stereotypen Kommentaren. Ein verbales Schulterzucken: Kann man nix machen, ist halt die Pubertät?

Nein, so einfach ist das nicht. Was nützen den Kindern Bücher über starke Frauen, wenn wir ihnen im Alltag andere Botschaften senden? Gar nichts. Was lernt man aus Büchern, wenn die Erfahrungen im Leben das Gegenteil beweisen?

Ich will also nichts weniger, als dass wir die Mädchen darin bestärken, für sich einzustehen und dass wir sie in ihrer Forderung nach respektvollem Miteinander unterstützen.
Ich will, dass wir sie nicht abwimmeln, sondern ihre Beschwerden ernst nehmen und ihnen zuhören.
Ich will, dass wir ihnen zeigen, dass ihre Wünsche Berechtigung haben.
Ich will, dass sie erleben, dass jeder – egal ob Junge oder Mädchen – der sich rücksichtslos verhält, dafür auch die Konsequenzen tragen muss.

Mit diesem Beitrag nehme ich teil an der Blogparade “Stimme erheben” der Blogfamilia.

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