Glückskeks des Monats

Unser Glückskeks im September: N und O

Heimaturlaub -www.expatmamas.de/ - #expatleben #eimaturlaub #expatmamas

Oder: Mein Heimaturlaub

Heimaturlaub – an diesem Wort sind gleich zwei Sachen falsch: Heimat und Urlaub.
Die heimische Wohnung, das eigene Auto und viele persönliche Gegenstände habe ich aufgegeben und bin jetzt hier in New York zuhause, zumindest vorrübergehend. Meine Heimat ist da, wo Mann und Kind sind. Und Urlaub? Nun ja.
Meine erste Rückreise nach Deutschland unternahm ich alleine, da mein Mann nicht freinehmen konnte. Den Flug würden ich und das Baby schon irgendwie bewältigen, das wusste  ich. Später, so hatte ich mir das vorgestellt, würde ich wenigstens ein paar Stunden für mich haben – immer dann, wenn eine der Omas auf das Baby aufpasste. Von wegen!

Weder bei meiner eigenen Mutter, die als Fünffach-Oma nun wirklich den schwarzen Gürtel in Kinderbetreuung vorweisen kann, noch bei meiner Schwiegermutter, die das mit den ganz Kleinen auch hervorragend beherrscht, konnte mein Sohn länger als ein paar Minuten alleine bleiben. Stets musste ich in Sichtweite sein. Genauer betrachtet, war das nicht überraschend – mein Sohn war das eben so gewohnt! So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Im Wohnzimmer der Schwiegermutter saß ich im Sessel, ging wieder und wieder denselben Abschnitt in einem Buch durch, ohne ihn aufzunehmen. Ich bin eine leidenschaftliche Leserin – nur nicht, wenn meine Schwiegermutter in der Nähe ist.

Nicht nur mit der lieben Familie verlief es anders als erwartet. Zwar pflege ich keinen überdurchschnittlich großen Freundeskreis, aber als New York- Rückkehrerin wurde ich unversehens zum Star. Alle schienen mich persönlich treffen zu wollen. Dazu gehörten natürlich auch Menschen, mit denen ich aktuell kaum Kontakt hatte, die mir aber früher einmal nahe standen. Ich fühlte mich beinahe gestalkt. Nicht nur einer früheren Freundin gelang es, über meine Eltern Kontakt zu mir herzustellen. Meine Eltern wohnen auf dem Land und ihre vierstellige Telefonnummer lässt sich von jedem, falls er sie über die Jahre vergessen haben sollte, leicht ermitteln. Mutter und Vater gaben bereitwillig Auskunft, wo, wann und wie ich zu erreichen wäre und welche Zeitfenster für ein Treffen mit mir noch infrage kämen. Ich selbst war berührt von so viel Engagement um meine Person und natürlich um das Baby. Aber natürlich habe ich Zeit! Für dich doch immer!
So ergab sich manch interessante Stunde mit einzigartigen Frauenpersönlichkeiten, die ich natürlich nicht missen möchte, und insgesamt ein straffes Programm. Ich eilte samt meinem Baby vom Frühstück mit der alten Freundin zum Treffen mit Arbeitskollegen, zum Kaffee mit den Schwiegereltern, zur Essenseinladung mit Freunden und zum Absacker mit dem ehemaligen Kommilitonen. In meinem Jugendzimmer fiel ich todmüde ins Bett. Nein, das war nicht alles an einem Tag, aber es fühlte sich so an.

Am schlimmsten waren bei allen Treffen die Abschiede. Also dann, bis nächstes Jahr! Man hatte in diesen Momenten immer das Gefühl, etwas ganz Besonderes sagen zu müssen. Immer diese Bedeutungsschwere! Als ob die Stimmung, die im Moment des Abschiedes herrschte, sich für immer einbrennen würde. Und was die liebe Familie angeht: Bloß nicht im Streit auseinandergehen! Wer weiß schon, wann, wo und – ich wage kaum es zu denken – ob man sich wieder sieht. Doch Familienfrieden lässt sich nicht erzwingen.
Schwierig wurde es auch, wenn Treffen besonders schön waren. Wir müssen uns unbedingt nochmal sehen, solange du da bist, hieß es dann. Nun ja, das ließe sich machen, übermorgen um 22.30 Uhr oder nächsten Sonntag um 6 Uhr morgens hätte ich schon noch etwas Zeit. Für dich doch immer! Und nein, es wird mir nicht zu viel. Klar komme ich mit dem Baby vorbei, ich habe ja hier keine Wohnung.

Für einen Teil des Trips bei meinen Eltern untergekommen, fühlte ich mich in die Neunziger zurückgeschossen – in meine Kindheit und Jugend auf dem Dorf. Mein Smartphone funktionierte nämlich diesseits des Atlantiks nicht, und meine Eltern haben so gut wie kein Internet im Haus. Wenn ich weggehen wollte, musste ich den nur selten operierenden Bus erwischen oder fragen, ob mich jemand fahren kann. Die Schreiorgien meines Sohnes, der mitfahren im Auto schlicht inakzeptabel fand, kamen erschwerend hinzu.

Ach, und täglich rief mein Mann aus den USA an. Zeitverschiebung, Weltverschiebung: Es passte nie.

Ja, so war das. Kennt das vielleicht jemand? Ich habe in meinem sogenannten Heimaturlaub keinen Urlaub in der Heimat gemacht, aber dennoch viel gelernt. Ich habe ein Wort neu entdeckt. In der Sprache meines derzeitigen Heimatlandes ist dieses Wort, das ich als eines der wichtigsten der Welt betrachte, noch kürzer als in der deutschen. Es hat da nur zwei Buchstaben: N und O.
(Rena, New York/ Foto: Judith Marnet)

Mehr Geschichten von Rena findet ihr auf ihrem Blog Life Science – Das Leben erforschen. Sie freut sich über euren Besuch!

2 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

  1. Inke sagt:

    Liebe Rena,
    wir leben seit inzwischen 10 Jahren im Ausland, erst in den USA, jetzt in Frankreich und ich kann Dir sagen: Es hoert nicht auf! Ich war selbst in diesem Sommer irgendwann den Traenen nah, weil ich mich vollstaendig in Terminen verheddert hatte. Leider hilft da nur eins: Geheimhaltung der Reisedaten, so als wuerde man einen Besuch bei der Bundeswehr im Krisengebiet machen. Toitoitoi, Inke

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