Atlanta Tales Expat-Leben

Kinderarztbesuch in Corona-Zeiten

Kinderarztbesuch in Corona-Zeiten

Wir mussten in Atlanta mal wieder zum Kinderarzt. Seit der Springbreak habe ich mit Hausmittelchen rumgedoktert, weil ich gerade jede Art von Praxis lieber meide, aber nach 6 Wochen sahen Zeh und Nagel beim Kind immer noch unverändert komisch aus. Also Mundschutz auf, Augen zu und durch, dachte ich mir – und wurde in mancher Hinsicht positiv überrascht.

Inzwischen muss man ja kein USA-Kenner mehr sein, um zu wissen, dass das Land die Vorbereitungen auf die Pandemie verschlafen hat. Allen voran der Chef-Gorilla, der im Zick-Zack nun den Ereignissen hinterher stolpert. Zwar ist jetzt auch hier Abstand halten das Gebot der Stunde, aber wie sollte das wohl in einer Kinderarztpraxis funktionieren?

Zwischen Mindeststandard und Drive-in-Medizin

Andererseits sagte ich mir: lieber Kinderarzt als irgendeine Urgent Care-Unit, wenn der Zeh plötzlich Sperenzchen machen sollte. Also mutig zum Hörer gegriffen. Am Telefon die übliche Abfrage: 
Waren Sie innerhalb der letzten 14 Tage außer Landes? (Ha, ha, inzwischen reicht doch New York oder New Orleans, fragt aber keiner.) 
Sind Sie in den letzten 14 Tagen geflogen? (Aha, da kommen wir der Sache schon näher, allerdings kommt man von hier nach New Orleans und zu anderen Corona-Hotspots problemlos mit dem Auto.) 
Hatte irgendjemand in der Familie in den letzten 14 Tagen Fieber? (Ok, das lass ich gelten). 

Soweit, so gut. Minimal-Standard. Doch dann kam’s: „Wenn Sie zu Ihrem Termin erscheinen, rufen Sie uns vom Parkplatz aus an. Der Check-in erfolgt telefonisch. Wir rufen Sie dann zurück, sobald die Nurse Sie am Eingang abholen kann. Bitte warten Sie im Auto.

Oha! Kein Wartezimmer, Praxisaufenthalt auf ein Minimum reduziert, Kontakt ausschließlich mit einer Nurse und der Ärztin. Weniger geht nicht, wenn man eine Untersuchung braucht. Fast schon Drive-in-Medizin. 

Außerdem wurde mir unaufgefordert erklärt, dass Fieberpatienten ausschließlich am späten Nachmittag Termine bekommen, nach demselben Prozedere, aber nur durch den Hintereingang eingelassen und in abgetrennten Untersuchungszimmern behandelt werden. Ich war beeindruckt. Das klang richtig durchdacht.

Mommy und Mundschutz

Tatsächlich lief unser Besuch genau nach dem beschriebenen Protokoll ab – mit dem einzigen Unterschied zu dem hier Wiedergegebenen: Auch in Corona-Zeiten werde ich in der Praxis natürlich nicht „gesiezt“, d.h. beim Namen genannt, sondern konsequent mit „mommy“ angesprochen.  „How are you today, mommy?“ – „You can sit over there, mommy.“ – „Any more questions, mommy?“ – Das fand’ ich schon in England mit Baby im Arm befremdlich, über 40 und mit Teenagern im Schlepptau stellen sich mir die Nackenhaare auf. Aber: „Keep smiling“ angesichts von kulturellen Eigenheiten beherrsche ich einigermaßen. Blieb nur leider unter meinem Mundschutz verborgen.

Apropos Mundschutz: Die Stringenz im neuen Praxis-Ablauf ließ dann in der letzten Konsequenz doch etwas nach. Weder Nurse noch Ärztin trugen eine Maske und stellten das Plaudern auch beim Brust-Abhören nicht ein. Auch wenn es eigentlich um einen Zeh ging, wurde der ganzheitliche Gesundheitsansatz nicht vergessen inkl. Blick in den Rachen und Smalltalk für Mental Health. Der Blick des Kindes, als es den so sorgfältig selbstgenähten Mundschutz runterziehen und „AHHHH“ ins blanke Arztgesicht sagen musste, bleibt unvergessen. 

Ach, Amerika! Mit der Liebe zum Detail hast du es noch nie so gehabt. Oder ist der Mundschutzmangel schon in den Praxen angekommen?  

Autor

Jonna Struwe, freiberufliche Autorin, Bloggerin und Gründerin von Expatmamas.de, dem Portal für Familien im Ausland

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