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Expatmamas-Wissen: V – Vereinbarkeit

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Man kann in Deutschland nicht Mama sein, ohne sich mit der Diskussion um Vereinbarkeit von Beruf und Familie konfrontiert zu sehen. Und wie ist das, wenn man mit der Familie für einige Zeit ins Ausland geht? Ist man dann außen vor? Hat man sich damit automatisch FÜR Familie und GEGEN Beruf entschieden? Ende der Diskussion und raus aus dem Dilemma? Genau darum geht es heute in meiner Reihe „Expatmamas-Wissen“ beim Buchstaben V: Wie stellt sich eigentlich für Expatmamas die Frage nach der Vereinbarkeit?

Die Antwort – ihr ahnt es schon – heißt klar: Natürlich stellt sich für Expatmamas die Frage nach Vereinbarkeit von Beruf und Familie, und zwar nicht nur einmal, sondern in jeder Phase der Entsendung neu – vor der Entscheidung für den Schritt ins Ausland, genauso wie während und vor allem danach.

Vereinbarkeit und die Entscheidung für die Entsendung

Wenn die Anfrage für einen Auslandsaufenthalt kommt, hat wohl keine von uns wartend auf dem Sofa gesessen, sondern in aller Regel einen eigenen Beruf, d.h. jede steht bei der Entscheidung vor der Frage: Was heißt das für meine Laufbahn und meine berufliche Zukunft? Denn zunächst mal gilt das Job-Angebot ja nur für einen. 

Jede Expatmama in spe fragt sich also:

  • Will ich in den Verhandlungen darauf drängen, dass man auch mir einen Arbeitsplatz anbietet oder mir zumindest ein Arbeitsvisum verschafft?
  • Will ich bei meinem eigenen Arbeitgeber versuchen, eine Freistellung/Beurlaubung/ein Sabbatical zu verhandeln?
  • Will ich kündigen?
  • Will ich meine Elternzeit dafür nutzen?

Je nach Lebenssituation und Wünschen wird jede anders entscheiden, es gibt keinen Königsweg und keiner wird raten können: „Mach das!“ oder „Mach das auf keinen Fall!“ – aber manchmal kann ein Coach helfen, die Antworten zu finden. Leider bleibt dafür viel zu selten Zeit. Die entsendende Firma erwartet eine Antwort innerhalb einer Frist, die für eine derart weitreichende Weichenstellung knapp bemessen ist, vor allem je unerwarteter das Angebot kommt.

Der Zeitfaktor ist in meinen Augen auch die wesentliche Größe, warum sich die Frage der Vereinbarkeit viel zugespitzter stellt als im klassischen Fall der Familiengründung. Man hat bei einer Entsendung nicht viele Monate zum Überlegen, wie es weitergehen soll, sondern muss z.T. innerhalb weniger Tage über die eigene berufliche Zukunft entscheiden.

Der Faktor „Arbeitsvisum“ ist der zweite limitierende Aspekt. Außerhalb der EU ist es oft schlicht unmöglich, als Partner eine Arbeitserlaubnis zu bekommen – es bleibt, sich entweder damit abzufinden oder darauf zu drängen, selbst entsandt zu werden, oder das Expat-Angebot abzulehnen. Einen schnellen Überblick, wie eure Chancen auf eine Arbeitserlaubnis im Ausland stehen, gibt beispielsweise die Permits Foundation.

Vereinbarkeit während der Entsendung

Gesetzt den Fall, es ist euch gelungen, auch während der Entsendung eure Berufstätigkeit fortzusetzen, dann ist die Frage der Vereinbarkeit ähnlich wie in der Heimat zunächst einmal schlicht: Wie bekomme ich Arbeit und Familie unter einen Hut? 

Allerdings gibt es einen wesentlichen Unterschied: Während zu Hause in Deutschland die Familie anstreben kann, die Belastungen gleichberechtigt zu verteilen z.B. indem beide Partner nicht 100 Prozent arbeiten, ist das für Expats quasi ausgeschlossen. Es gibt keine Teilzeit-Entsendungen. Dazu kommt, dass für den Entsandten die Arbeitstage in der Regel erst einmal länger werden als daheim: Neue Aufgabe, neue Bürokultur, neue Sprache fordern ihren Tribut. 

Die Fragen der Vereinbarkeit heißen also:

  • Wie können wir uns die Familienarbeit unter diesen Umständen aufteilen?
  • Welche externe Entlastung durch Fremdbetreuung ist verfügbar und finanzierbar?

Je nach Alter der Kinder, je nach den im Land verfügbaren Betreuungsangeboten, je nach Diskrepanz zwischen Ferienzeiten und Urlaubstagen entstehen Situationen, die einer Berufstätigkeit der begleitenden Expatmama ziemliche Wackersteine in den Weg legen. Und da haben wir noch nicht berücksichtigt, dass durch einen Umzug ins Ausland die emotionale Betreuung der Kinder mitunter viel mehr Einsatz der Eltern erfordert, als es daheim in den gewohnten Lebensumständen notwendig gewesen wäre.

Die Vereinbarkeitsfrage nach der Entsendung

Angesichts dieser Tatsachen ist es nicht überraschend, dass viel weniger Expatmamas während der Zeit im Ausland arbeiten, als es in der Theorie wünschenswert wäre. Somit stellt sich die Frage der Vereinbarkeit nach der Rückkehr erneut. Auf den ersten Blick sieht sie aus wie nach der Elternzeit: Wo und in welchem Umfang möchte ich wieder arbeiten?

Wer tatsächlich die Elternzeit für die Auslandszeit nutzen konnte, hat gute Chancen, in den Beruf zurückzukehren (dass das leider nicht immer funktioniert, musste ich bei meiner eigenen Rückkehr aus der Expat-Elternzeit lernen). Genauso, wer sich beurlauben lassen konnte.
Wer eine Vollzeitanstellung sucht, hat ebenfalls leichter Aussicht auf Erfolg, als diejenigen, die sich nach einer Kündigung nun, Jahre später, neu für eine Teilzeit-Stelle bewerben möchten. Diese Frauen stoßen auf ein strukturelles Problem, das ich persönlich für den Dreh- und Angelpunkt in der Vereinbarkeitsdebatte halte: Es gibt viel zu selten qualifizierte Arbeitsplätze für Frauen in Teilzeit. 

Schon nach der Babypause haben Frauen ihre liebe Not, nicht als verblödetes Heimchen am Herd zu gelten, sondern eine, ihren Qualifikationen entsprechende Teilzeit-Aufgabe zu ergattern; Ex-Expats kämpfen noch zusätzlich mit den gängigen Vorurteilen gegenüber Frauen im Ausland, die angeblich ihre Tage Prosecco trinkend beim Shopping, Sport oder Sightseeing verplempern. (Unselige Artikel wie jüngst der im SPIEGEL tragen nicht zur Verbesserung bei.) Dass diese Frauen sich durch die Auslandserfahrung in vielerlei Hinsicht weiter qualifiziert haben, interessiert kaum jemanden und es stellt sich dann die Frage: Wohin mit der Expat-Zeit im Lebenslauf?

Die Expat-Phase gilt oft als zusätzliche „Lücke“ nach der Baby-Auszeit und wird schnell als Leerlauf abgetan, vor allem von denjenigen, die die Vereinbarkeitsdebatte auf den Aspekt der Gleichzeitigkeit reduzieren: Kinder UND Arbeiten UND Ausland.

Vereinbarkeit bedeutet für mich aber auch die Freiheit, für Lebensabschnitte Prioritäten setzen zu dürfen, ohne mich dadurch für den Arbeitsmarkt zu disqualifizieren. 

Was möchte ich euch also mit auf den Weg geben? 

  • Dass ihr euch bewusst seid, dass sich im Laufe der Entsendung die Frage der Vereinbarkeit nicht nur einmal stellt, sondern immer wieder.
  • Dass ihr euch im Zweifel Unterstützung holt, um eure Antworten darauf zu finden, denn die Situation ist komplexer als auf den ersten Blick ersichtlich.
  • Dass ihr weiter so wohlwollend miteinander umgeht – egal wie jede von euch das Thema für sich beantwortet – denn ihr wisst um die Herausforderungen, um den Wert der Erfahrungen und euer Potenzial. Und wir werden das auch noch dem Arbeitsmarkt so beibringen (und den SPIEGEL-Journalisten auch).
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Autor

Jonna Struwe, freiberufliche Autorin, Bloggerin und Gründerin von Expatmamas.de, dem Portal für Familien im Ausland

5 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

  1. Hannes sagt:

    Hi Jonna,
    Wieder ein fantastischer Artikel, der Punkte aufnimmt, die sonst selten angesprochen werden, wie zum Beispiel die Problematik der Arbeitserlaubnis im Entsendungsland.
    Auch alle anderen Punkte sind sooo relevant!
    Und dass der Spiegel Derartiges publiziert, ist mehr als enttäuschend.

  2. Susan sagt:

    Danke für diesen wundervollen Beitrag und die Stellungnahme zum SPIEGEL-Artikel. Mir gehen seither auch viele Gedanken dazu durch den Kopf, nur die Zeit, diese in den PC zu tippen, hat mir bisher gefehlt.

  3. Sabine sagt:

    Wow!

    Seit zwei Tagen weiß ich, dass es nun Ernst wird (falls nicht noch ein absoluter Veto-Grund aufploppt).
    Nachdem ich diese Tage genutzt habe, um dieses geballte Wissen hier zu finden, und mich über Einschulung im Ausland zu informieren, komme ich zu dem Punkt, an dem ich entscheiden muss, was ich mit der „geschenkten“ Zeit anfange.

    Und wie durch Zauberhand wird genau dazu ein Beitrag veröffnelticht!

    VIelen Dank dafür, und generell für diese sorgfältig und umfangreich gestaltete Seite!

    1. Jonna sagt:

      Das freut mich sehr! Manchmal passt es einfach :-) Ich wünsche dir viel Tatkraft für alles, was auf euch zukommt, und bin gespannt, wo es für euch hingeht. LG

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