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Umzug ins Ausland – wenn Eltern und Kinder nicht im Gleichschritt laufen

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Karrierekinder ohne Heimat“ betitelte der NDR einen Beitrag über das Heimweh von Expat-Kindern. Die Empörung über die suggestive Schlagzeile schlug hohe Wellen unter den Expat-Eltern. Warum? An welchem wunden Punkt hat er uns getroffen? Und wenn wir den Titel außer Acht lassen und uns auf den Inhalt – die Trauer von Expat-Kindern konzentrieren – was können wir dann lernen? Ich habe mit einer Expertin gesprochen.

Wie wir mit uns selbst und den Kindern ins Reine kommen

Eigentlich sind wir uns alle bewusst, dass ein Umzug ins Ausland für die Kinder nicht unbedingt immer ein Zuckerschlecken ist. Abschied und Trauer gehören dazu. 

Und trotzdem ist einer der am häufigsten zitierten Glaubenssätze: „Ach, wenn es die Eltern nur gut genug verkaufen bzw. selbst beseelt sind von der Idee, dann werden das die Kinder auch gut mitmachen.“ 

Auch zum Film wurde viel in diesem Sinne kommentiert: Ja, die Kinder können traurig sein, ABER sie erleben ja auch tolle Dinge und machen wertvolle Erfahrungen. – Es scheint, als ruderten wir schnell auf unsere kleine Rettungsinsel zurück. 

Doch wischt das „Aber“ vielleicht zu schnell Dinge beiseite, die wir uns ansehen sollten? Ich habe Stefanie Guth dazu befragt. Sie ist Psychotherapeutin und wird im September mit ihrer Familie nach Andalusien ziehen.

Interview mit Stefanie Guth, Expatmama in spe und Psychotherapeutin

e/m: Liebe Steffi, vielen Dank für deine Zeit. Freuen sich denn deine Kinder auf Andalusien?

S: Ich denke schon. Der Größere (6) fragt immer wieder mal freudig: „Wie lange noch, bis wir umziehen?“. Der Kleine (3) erinnert sich an unseren Look-and-see-Trip im Februar, wenn sein Bruder ihm vom Meer erzählt. Das hat beiden sehr gefallen. Aber ich weiß auch, dass bestimmt andere Zeiten kommen werden. Wir haben schon eine Abschiedsparty im Sommer geplant, dann wird es ja erst richtig konkret.

e/m: Oft höre ich: Wenn die Eltern den Umzug positiv sehen, dann werden das die Kinder auchStimmt das so?

S: Bestimmt ist die Einstellung der Eltern eine wichtige Komponente beim Umzug ins Ausland. Vor allem bei jüngeren Kindern ist es wichtig, dass die Eltern eine innere Sicherheit und Klarheit ausstrahlen. Damit signalisieren sie dem Kind „Es ist gut – du bist sicher, auch wenn etwas Neues kommt“. Da kleine Kinder noch eng an die Eltern gebunden sind, brauchen sie immer wieder die Rückversicherung, den sicheren Hafen und das Auftanken bei den Eltern, wenn sie eine neue Welt erkunden. 

e/m: Trifft das auf ältere Kinder, vor allem Jugendliche genauso zu?

S: Je älter die Kinder sind, desto wichtiger ist es, ins Gespräch zu kommen über den Umzug und die damit verbundenen Gefühle, Sorgen und Ängste. Jugendliche sollten ihre ganz eigene Meinung dazu haben dürfen, auch wenn sie vielleicht nicht mit der positiven Haltung der Eltern übereinstimmt. Es stärkt die Beziehung zwischen Eltern und Kindern in jedem Alter, wenn die individuellen Bedürfnisse und Gefühle Raum bekommen. Letztlich ist es wichtig, dass jedes Familienmitglied einen eigenen Umgang mit dem Thema Umzug und Abschied finden darf. Dafür braucht es Offenheit und Toleranz auf Seiten der Eltern.

Sind Eltern auf einem Auge blind?

e/m: Mein Eindruck ist manchmal, dass wir Eltern dazu tendieren, uns auf die positiven Aspekte zu fokussieren, die ein Umzug ins Ausland bietet, und damit dem Kummer der Kinder evtl. nicht genug Raum lassen.

S: Ich denke, dann geben sich Eltern auch selbst keinen Raum für negativ konnotierte Gefühle wie Trauer oder Wut. Manchmal ist es aufgrund der äußeren Umstände schwer, sich die Zeit für Abschied zu nehmen, aber meist holt es einen zu einem späteren Zeitpunkt ein. 

Wenn Eltern, die ins Ausland ziehen, sich selbst erlauben, Trauer, Angst und Sorge zu fühlen und einen Ausdruck dafür finden, geben sie den Kindern damit auch die Möglichkeit, ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen. 

Gefühle wahrzunehmen und auszudrücken, ist eine wichtige Grundlage für seelische Gesundheit. Wie sie ausgedrückt werden, ist dabei eher sekundär. In der Psychotherapie spricht man von Symbolisierung. 

e/m: Die Eltern freuen sich, die Kinder sträuben sich. Und dann?

S: Natürlich dürfen und sollen sich Eltern freuen über die Möglichkeit, ins Ausland zu gehen. Sie dürfen ihrer Freude Ausdruck verleihen, wenn sie echt ist. Gleichzeitig bin ich sicher, dass auch sie einen Abschiedsschmerz empfinden. Denn zu jeder Emotion gibt es auch eine Kehrseite. Es lässt sich viel leichter mit ihr leben, wenn sie bewusst ist und innerlich integriert ist. 

Je stimmiger sich also Eltern verhalten, je offener sie über ihre eigenen inneren Ambivalenzen Auskunft geben, desto leichter wird es den Kindern fallen, ihre inneren Unstimmigkeiten anzuerkennen und damit umzugehen. 

Was verunsichert Expat-Eltern?

e/m: Warum trifft es uns, wenn wir, wie bei dem NDR-Beitrag offenbar, das Gefühl haben, wir machten unsere Kinder unnötig unglücklich? Weil wir an unsere eigene innere Ambivalenz erinnert werden?

S: Der größte Wunsch von Eltern ist es, die Kinder glücklich zu machen. Ihnen wichtiges Wissen, Erfahrungen und Werte für das Leben mitzugeben. Wenn Eltern merken, dass die Kinder nicht mit ihren Zielen und Werten übereinstimmen, dann fühlen sie sich gekränkt. Kränkung ist ein eher unangenehmes Gefühl, denn schließlich geben die meisten immer ihr Bestes und möchten auch, dass sie beim Gegenüber gut angenommen werden. 

Und letztlich spiegeln uns unsere Kinder eben auch unsere eigenen Gefühle und Befindlichkeiten. Das ist nicht immer angenehm, kann aber eine wunderbare Lernchance sein.  

In meiner Arbeit als Psychotherapeutin geht es mit den Kindern und Eltern meist darum, innere Konflikte und Ambivalenzen zu erkennen und anzunehmen. Denn in vielen Fällen stimmen unsere inneren Bedürfnisse nicht mit den äußeren Begebenheiten überein. Das kann vor allem im Ausland eine echte Herausforderung sein, wenn wir mit einer anderen Kultur und unbekannten Gepflogenheiten konfrontiert sind. Zudem lassen es viele organisatorische Aufgaben und Verpflichtungen nicht immer zu, sich Zeit für emotionale Befindlichkeiten zu nehmen.

e/m: In dem schon zitierten Beitrag des NDR fängt eine junge Frau an zu weinen, als sie von ihrem letzten Umzug als Teenager erzählt.
Was ist bei der jungen Frau im Film passiert, dass sie noch Jahre später und zu einem eigentlich glücklichen Zeitpunkt ihres Lebens, dennoch so von altem Kummer überwältigt wird? 

S: Manchmal holen uns Erinnerungen ein. Erinnerungen sind immer auch mit Gefühlen verbunden. Zuweilen reagiert unser Körper dann auf eine Erinnerung mit Tränen. 

Ohne die Frau zu kennen, kann ich natürlich nur Vermutungen anstellen. Möglicherweise sind ihre Trauer oder der Schmerz des Abschieds noch nicht komplett verarbeitet. Besonders in Lebenssituationen, in denen oft Abschied genommen werden muss, ist es wichtig sich Zeit dafür zu nehmen. 

Durch schmerzhafte Erinnerungen können auch Flashbacks ausgelöst werden. Das sind einschießende innere Bilder, die bei den Betroffenen, Stress und stärkere körperliche Reaktionen auslösen können. Reaktionen können zum Beispiel Herzrasen, Zittern, Schwitzen oder Brustdruck sein. Wenn derlei starke Anzeichen wiederholt auftreten, kann das ein Hinweis auf eine Posttraumatische Belastung sein und es empfiehlt sich dringend psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen. 

Bei jungen Menschen unterscheiden sich allerdings häufig die Anzeichen für psychischen Stress von denen von Erwachsenen. Daher ermutige ich immer gerne, sich Rat zu holen, sobald Eltern ein „komisches Gefühl“ in Bezug auf das Verhalten ihres Kindes haben. In der Regel lassen sich seelische Probleme leichter behandeln, je früher sie erkannt werden. 

Worauf sollten Eltern achten?

e/m: Inwiefern unterscheiden sich die Anzeichen von psychischem Stress bei Kindern gegenüber Erwachsenen?

S: Bei Kindern kann es sein, dass bereits entwickelte Kompetenzen nochmals verschwinden und die Kinder beispielsweise zurückfallen (regredieren) in eine frühere Entwicklungsphase. Je nach Alter der Kinder, sind die Kinder darüber selbst recht unglücklich, manchmal auch verwirrt. Wenn Eltern dies bemerken ist es wichtig, den Kinder Zeit zu geben, diese Phase erneut zu überwinden.

Es kann auch zu gegensätzlichem Verhalten kommen, wie etwa erst eine große Trennungsängstlichkeit und später dann nicht mit den Eltern mitgehen wollen. Das kann Eltern ebenfalls verunsichern. Wenn Eltern darauf vorbereitet sind, dass die Kinder möglicherweise ganz anders reagieren, kann ein einfühlsamer Umgang damit leichter gelingen.

Aufpassen sollten Eltern auch bei Kindern, die so gar keine „Anzeichen“ zeigen, die super mega glücklich wirken, so als ob sie die glücklichsten Kinder der Welt wären. Das deutet nach meiner Erfahrung auf eine starke Überanpassung hin, die wiederum nur die eine Seite betont und den negativ erlebten Gefühlen keinen Raum gibt. In so einem Fall, kann es sinnvoll und hilfreich sein, mit dem Kind ein wenig in Erinnerungen zu schwelgen und zu schauen, ob es auch Zugang zu anderen Gefühlen bekommt. Wichtig ist hierbei, dass die Eltern keine Angst davor haben, ihr Kind in diese eher besetzten negativen Gefühlslagen zu begleiten. Darum ist es meist sinnvoll, wenn Eltern sich zunächst selbst mit ihren Gefühlen auseinandersetzen. Dann können sie ihre Kinder bei emotionalen Unsicherheiten der Kinder viel gelassener begleiten.

e/m: Brauchen ältere Kinder anderen Trost als jüngere? 

S: Feste Rituale können dabei helfen, die Gefühle von Schmerz und Trauer zuzulassen. Jugendliche haben durch ihre größere Lebenserfahrung möglicherweise bereits eigene Rituale dafür entwickelt. Vielleicht, weil schon einmal ein Haustier verstorben ist oder ein Schulfreund weggezogen ist oder eben weil sie die Umzugssituation schon von klein auf kennen. 

Jugendliche können aufgrund ihrer Reife die Situation besser erfassen, haben aber auch mehr zu „verlieren“. Gerade in den Jahren zwischen 13 und 18 bietet die Gruppe Gleichaltriger eine wesentliche Orientierung bei der Identitätsfindung. So kann es durchaus sein, dass eine Trennung von den Freunden als schwerer Verlust erlebt wird.

Jüngere Kinder brauchen mehr Sicherheit und Nähe, da sie ohnehin noch enger an die Eltern gebunden sind. 

e/m: Lernen Kinder mit Abschied zu leben, wenn sie von früh an das Nomadenleben kennen?

S: Jedem Menschen hilft Lebenserfahrung. Trotzdem ist jeder Abschied mit Schmerz verbunden. 

Ich meine, dass es für alle Kinder zu jeder Zeit wichtig ist, sie in ihrer Trauer oder Wut ernst zu nehmen. Sie mit ihren Gefühlen zu sehen und es möglich zu machen, ihnen Ausdruck zu verleihen. Sei es eine Abschiedsparty zu organisieren oder eben auch mal in das Sofakissen zu boxen, weil die Wut einfach mal raus muss. 

Letztlich liegt ja für Kinder und Jugendliche bis zu einem gewissen Alter die Entscheidungsmacht bei den Eltern, wo die Familie lebt. Das hinterlässt bei den Kindern (je nach Temperament und Alter) manchmal ein Gefühl von Ohnmacht oder Abhängigkeit. Besonders bei Heranwachsenden lässt sich die Meinung der Eltern nicht immer mit den eigenen Vorstellungen vereinbaren. Da sind viel Verständnis und Empathie gefragt, damit die Beziehung zum Kind bzw. Jugendlichen nicht darunter leidet.

Wie können Eltern helfen?

e/m: Wie erkennt man, ob die Grenze des Zumutbaren bei den Kindern erreicht ist?

S: Jedes Kind reagiert individuell, das ist abhängig vom Temperament, Vorerfahrungen, Bindungsverhalten und vielem mehr. Doch es gibt die eben genannten Anzeichen wie das Regredieren oder Überanpassung, auf die man als Eltern achten kann und sollte, um sich dann eventuell professionellen Rat zu suchen.

Grundsätzlich gehe ich davon aus, dass alle Eltern ihr Kind am besten kennen und einschätzen können. Daher mein wichtigster Tipp: 

Wenn Eltern etwas ungewöhnlich vorkommt, wenn das Kind sich so stark verändert, dass die Eltern sich Sorgen machen, dann ist es gut, auf dieses Bauchgefühl zu hören und sich Rat und Hilfe zu suchen. Das können Gespräche mit LehrerInnen oder ErzieherInnen sein oder auch psychologischer Rat. 

In meiner Arbeit als Online-Psychotherapeutin kommt es immer wieder vor, dass Eltern bereits nach 2-3 Terminen wieder mehr auf ihre Intuition vertrauen und ihre Kinder weiterhin einfühlsam begleiten können. Eltern, die sich auf das Abenteuer Ausland einlassen, sollten sich selbst auch eigene Unsicherheiten zugestehen. Wenn sie dann einen Umgang damit finden, ist das ein gutes Signal auch für die Kinder, dass es in Ordnung ist unsicher zu sein und es auch einen Weg des Umgangs damit gibt. 

e/m: Wie kann man auf die Kinder eingehen, ohne ihr Verhalten zu problematisieren?

S: Bei älteren Kindern finde ich, ist die beste Möglichkeit das Nachfragen. Nicht zu invasiv, aber interessiert und authentisch. 

Wenn Eltern über ihre eigenen Gefühle der Sorge um das Kind Auskunft geben, spüren die Kinder echtes Interesse und werden sich zu gegebener Zeit vielleicht öffnen und sich den Eltern anvertrauen. 

Wenn Jugendliche sich stark zurückziehen und Eltern sich Sorgen machen, gibt es immer die Möglichkeit externe Hilfe anzubieten. Ich persönlich finde in diesen Fällen den Online-Weg besonders geeignet. Es ist eine niedrigschwellige Möglichkeit mit einer neutralen Person ins Gespräch zu kommen und Unterstützung anzunehmen, wenn die Jugendlichen Hilfe von den Eltern ablehnen. 

Wie kann professionelle Hilfe aussehen?

e/m: Bleibt man da als Eltern nicht endgültig außen vor?

S: Natürlich ist es nicht immer leicht für Eltern, die Kinder in fremde professionelle Hände anzugeben, zumal ich auch unter Schweigepflicht stehe den Eltern gegenüber. Daher ist mir der Aufbau einer guten Beziehung zu den Eltern besonders wichtig. Ich lasse den Eltern gerade zu Beginn immer viel Zeit mich kennenzulernen und zu erspüren, ob dies der richtige Weg ist für die Familie. 

Außerdem vereinbare ich auch mit den Eltern regelmäßig einen Termin. So können wir uns über die Veränderungen auf dem Laufenden halten und die Eltern bekommen ein Verständnis dafür, warum bestimmte Schritte wichtig und notwendig sind für die gesunde seelische Entwicklung ihres Kindes. 

Psychotherapeutische Arbeit bringt stets Veränderungen mit sich, manches Mal eben auch zeitweise unangenehme. Aber immer wieder bin ich sehr berührt davon, wie schnell die Familien ihre Stärken und Ressourcen aktivieren und wie sich durch ein wenig externe Begleitung nachhaltig Veränderungen einstellen.

e/m: Liebe Stefanie, herzlichen Dank, dass du dir so viel Zeit genommen hast! Ich wünsche dir alles Gute für den Umzug im Sommer und gutes Einleben für deine Kinder!

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Stefanie Guth ist Psychotherapeutin für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Sie bietet deutschsprachigen Familien im Ausland Psychotherapeutische Beratung & Begleitung online an via Telefon, Skype, Email oder Messenger (Live-Chat). Denn oft ist es hilfreich, therapeutische Unterstützung in der Muttersprache zu erhalten. Wenn ihr Fragen habt, schreibt ihr an: kontakt@selbsterforschung.com

Stefanie und ihr Beratungsangebot findet ihr auch im: 

Autor

Jonna Struwe, freiberufliche Autorin, Bloggerin und Gründerin von Expatmamas.de, dem Portal für Familien im Ausland

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