Expat-Leben: Leben und leben lassen

Expat-Leben: Leben und leben lassen - www.expatmamas.de/expatmamas-blog/ - #expatleben #rückkehr #expatmamas #muttertagOder: Gedanken zum Mama-Dasein

Expatmama zu sein birgt so manche Herausforderung. Für mich hatte es aber auch einen ungeahnten Vorteil, der mir leider erst im Nachhinein bewusst wurde: Ich war aus der Schusslinie derer, die jede Mama nach dem Mutterschutz mit Fragen bombardieren und vor allem eines wissen wollen: Und (wann) fängst du wieder an zu arbeiten?

Da ich im Ausland war, musste ich nicht Stellung beziehen, musste ich mich nicht für ein Lager entscheiden: entweder “Hausfrau” oder “arbeitende Mutter”, neu-deutsch dynamisch “Working Mum”.

Meine Front war nicht die klassische Frage der Vereinbarkeit von Muttersein und Beruf, meine Front war u.a. die Vereinbarkeit meiner Wünsche, wie die Kinder aufwachsen sollten, und den kulturellen Gegebenheiten. Bei allem anderen war ich außen vor.

Für die Deutschen lief ich außer Konkurrenz, denn ich war ja weg bzw. in den Augen mancher hatte ich mich ja längst für das Heimchen am Herd entschieden, da ich meinem Mann und SEINEM Beruf gefolgt war.

Für die Engländer war ich als Ausländerin per se Exotin und damit nicht mit englischen Maßstäben zu messen. Abgesehen davon, galt es eher als Privileg, daheim bleiben zu können.

Kaum in Deutschland wehte ein anderer Wind. Wir stiegen in den Kindergarten ein und der Kindergartenbeginn ist für viele das Ende der Elternzeit und damit der Zeitpunkt für den Wiedereinstieg. Als Neue wurde ich also ständig gefragt: Und was machst du? Nach dem Motto, sag mir, was du arbeitest und ich sag dir, wer du bist. Schublade auf. Schublade zu. Fertig. Zu allem Überfluss hatte ich auch noch etwas studiert, das zu keinem klaren Berufsbild führte. Ich beneidete alle, die knapp sagen konnten: Ich bin Lehrerin/Apothekerin/Erzieherin/was auch immer in ein Wort passt. Damals hätte ich nicht mal sagen können: Ich bin Bloggerin. (Vielleicht hätten sie mich dann noch komischer angeschaut, weil so gar nichts Hippes an mir ist.)

Dass ich in dieser Zeit zu Hause war, war nicht unbedingt eine bewusste Entscheidung; der Arbeitgeber wollte mich nach der Elternzeit (im Ausland) nicht zurück (die Geschichte dazu habe ich hier schon einmal erzählt). Aber ich habe auch festgestellt, dass unsere Familie zu verpflanzen, doch mehr abverlangte, als ich dachte. Ich möchte trotzdem weder von dem einen noch vom anderen Lager als Verbündete vereinnahmt werden. Ich bin keine Überzeugungstäterin, sondern habe nach den Umständen entschieden.

Wenn ich mit anderen Rückkehr-Mamas spreche, höre ich Ähnliches. Kaum ist der Container geleert, kommen die Fragen, was man jetzt als nächstes macht. Also was “Richtiges”. Ach, Schule suchen, Arzttermine vereinbaren, Wohnung einräumen, Freundschaften wiederbeleben – alles schön und gut, aber: Was machst du ab nächstem Monat? Ankommen, in mich reinhören, was meine Bedürfnisse sind, Ideen sammeln, Luft holen… Hä? Willst du gar nicht wieder arbeiten?

In dem Moment wurde mir klar, wie gut ich es hatte, dass ich meine Kinder die ersten Jahre begleiten konnte ohne den ganzen Rechtfertigungs-Schnack, warum man daheim bleibt oder arbeiten geht. Und genau das ist der Grund, warum ich heute, wenn möglich, einen großen Bogen mache um die Vereinbarkeitsdiskussion. Jede sollte selbst entscheiden können, was für sie machbar ist. Arbeiten oder nicht. Ohne irgendjemandem eine Erklärung schuldig zu sein. Ende der Diskussion. Mir schnürt es nur das Herz zu, wenn ich sehe, dass Mamas KEINE Wahl haben, weil sie von den Vätern hängen gelassen werden, weil der Staat es als Emanzipation missversteht, Alleinerziehenden neben der Erziehungsarbeit auch noch den Broterwerb aufzuzwingen, oder weil Kindergärten unflexibel sind. In mir kocht blanke Wut, wenn Arbeitgeber gestandenen Frauen als Wiedereinstieg allen Ernstes ein Praktikum anbieten. Oder das Finanzamt die Freiberuflickeit in Frage stellt, weil die Einnahmen zu gering seien, um von einer “Gewinnerzielungsabsicht” auszugehen. Das sind Themen für die ich brenne, aber nicht die Stay-at-home-Mum versus Working-Mum-Debatte.

Mein Expat-Erbe ist, dass ich mir jeden Tag vornehme, jede sein zu lassen, wie sie ist, arbeitend oder nicht. Was steht mir ein Urteil zu? Jede muss selbst sehen, mit welcher Entscheidung sie leben kann. Und ich muss schauen, dass ich mit meinen Gegebenheiten zurechtkomme. Ich versuche die Mama-Killer-Frage “Und wo arbeitest du?” zu vermeiden. Mein Motto: Deine Wahl muss nicht meine Wahl sein. Egal ob arbeitend oder nicht, alle Mütter eint letztlich der Selbstzweifel, der offenbar ein Abfallprodukt der Wehen ist und der nach bester psychologischer Kriegsführung vom jeweils anderen Lager tüchtig geschürt wird. Letzten Endes aber leistet jede Mama unglaublich viel. Jeden Tag. Egal wie.

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Kommentare (10) Schreibe einen Kommentar

  1. Du Beste, hast es wieder gut auf den Punkt gebracht…
    frei nach dem Motto “mia san mia” – wie der Bayer sagt.

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  2. Zum einen muss ich gleich mal Alexa zustimmen, was das auf den Punkt bringen betrifft. Der Text hat es wieder einmal wirklich auf den Punkt gebracht!
    Und dann ist die Arbeit als Mutter eine mehr als wichtige volkswirtschaftliche Leistung – traurigerweise immer noch unbezahlt und dann noch begleitet von der unsäglichen Mütterrentendebatte……

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  3. Das tut gut! Danke!
    Toll gedacht und toll geschrieben.
    Und wie recht du hast: Wir sollten uns vereinen, um gegen die wirklichen Probleme anzugehen, denen wir gegenüber stehen – im Ausland und wieder zurück in der alten Heimat. Stichwort: Praktikum oder zu geringes Einkommen bei Freiberuflerinnen!
    Hach, es gibt noch viel zu tun…

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  4. Ein toller Artikel, Jonna! Ich teile viele deiner Gedanken, habe in Deutschland immer “klassisch” gearbeitet (auch schon neben dem Studium) und mache jetzt hier in der Türkei viel von zu Hause aus. Weder in der Türkei noch in Deutschland wird das als “Arbeit” anerkannt. Auch ich habe mir abgewöhnt, über jemanden aufgrund seiner Arbeitssituation zu urteilen, sie betrifft mich ja doch nicht. Wir als Familie sind mit meiner Freiberuflichkeit glücklich. Das zählt!

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  5. Vielen Dank, das ist ein großartige Artikel, Jonna! Genauso habe ich es auch empfunden. Unser erstes Kind war genau 12 Monate alt, als wir gegangen sind. Das zweite kam dann in den USA. Ich habe mich also einmal der deutschen Diskussion stellen dürfen und dann in den USA drauf gewartet und nichts kam. Keiner hat mich das jemals gefragt (außer meinem deutschen Chef in den USA). Ich war selten so entspannt.
    Und als wir dann zurückkamen und ich einen Monat später wieder anfangen musste, weil es die Umstände eben so erforderten, obwohl ich lieber zuhause geblieben und die Kinder in Ruhe eingewöhnt hätte usw., fanden alle das ganz normal. Als ich nach meinem ersten Kind direkt nach dem Mutterschutz wieder arbeiten wollte, war ich in deren Augen verrückt und eine Rabenmutter. Wie man es macht… :-) Aber ja, ich finde das einen Vorteil vom Expatmama sein, dass man aus der Diskussion raus ist.

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