Third Culture Kids – Teil 5: Fremd im eigenen Land

Blogserie Third Culture Kids - www.expatmamas.de - #Rückkehr #Third Culture Kids #TCKAls wir nach Deutschland zurückkamen, hatte ich etwas Entscheidendes nicht verstanden: Für unsere Kinder (damals 3 und 4) war es keine Rückkehr. Ich hatte nicht erwartet, dass sie Probleme haben würden und habe deswegen ihren Kummer zu lange übersehen. Ich fand ihr Erstaunen darüber, dass ja alle Deutsch sprachen, eher drollig; ihre Tränen über dies und das erklärte ich mit Übermüdung und die grauenhaften Wutanfälle mit einer ungewöhnlichen Trotzphase. Erst als Kind 1 aufhörte, regelmäßig auf Toilette zu gehen, Kind 2 dagegen das Bett nachts wieder nass machte, dämmerte mir, dass da was im Argen lag. Heute würde ich sagen: Der Groschen fiel pfennigweise. Hätte ich nur Ann schon gekannt und ihre 5 Tipps für die Rückkehr mit Kindern, dann wäre ich in diese Falle nicht getappt.

Rückkehr in die Fremde

Ein Gastbeitrag von Ann Wöste

Die Rückkehr gehört zu den größten Herausforderungen im Leben einer Expat-Familie. Vor allem deshalb, weil sie meist völlig unterschätzt wird, und die damit zusammenhängenden Schwierigkeiten alle Beteiligten völlig unerwartet treffen. Bei der Ausreise ist klar, dass das Leben in einem neuen Land mit neuen Bezugspersonen und einer fremden Sprache eine große Umstellung bedeutet, die einer gewissen Eingewöhnungszeit bedarf, und wo mit Stress und emotionalen Turbulenzen zu rechnen ist. Jeder kennt das Phänomen des Kulturschocks und wäre wohl eher verwundert, bliebe er aus. Dass es aber auch einen umgekehrten Kulturschock, den sogenannten Reentry-Schock geben kann, darauf sind die wenigsten Rückkehrer vorbereitet. Und jedes Familienmitglied ist anders betroffen.

Kulturschock für die Familie

Der entsendete Mitarbeiter muss sich nun wieder den oft starren Strukturen der deutschen Firma unterwerfen, wo er doch in den letzten Jahren eher eigenverantwortlich war, von ihm erwartet wurde, dass er seinen Arbeitsstil ein Stück weit der Arbeitskultur des Gastlandes anpasste, und er flachere Hierarchien gewohnt war. Für viele Mitarbeiter gibt es nach dem Ende der Auslandszeit oft gar keinen adäquaten Job, und sie hängen beruflich eine Weile in der Luft oder sind unzufrieden mit der neuen Position. Für manch einen ist diese Situation so unbefriedigend, dass die Aussicht auf Verlängerung oder einen weiteren Auslandsaufenthalt verlockend scheint.

Der mitausgereiste Partner, meist die Frau, möchte möglichst schnell wieder zurück in ihren Beruf. Aber das stellt sie vor ganz eigene Herausforderungen. Vielleicht hat sie die Zeit im Ausland genutzt, um sich fortzubilden, und möchte sich nun beruflich verändern. Gleichzeit müssen aber ein Umzug gemeistert und etliche Kartons ausgepackt und in den Haushalt integriert werden. Die Kinder müssen an Schulen oder Kindergärten angemeldet werden, und die Verwandten, die so lange vernachlässigt wurden, wollen besucht oder eingeladen werden. Wenn die Familie schulpflichtige Kinder hat, entscheiden sich viele für eine Rückkehr in den Sommerferien, damit der Schulwechsel einfacher ist. Der Arbeitsvertrag der Väter endet aber oft erst zum Jahreswechsel, die Partnerin ist dann in allem ziemlich auf sich allein gestellt.

Diese organisatorischen Aufgaben, die bei einer Rückkehr bewältigt werden müssen, sind den Betroffenen durchaus präsent, anders sieht es dagegen mit den emotionalen Herausforderungen aus. Der Abschied von dem besonderen Leben der letzten Jahre muss verarbeitet werden. Wieder befinden sich alle Familienmitglieder in einer Übergangssituation, die mit viel innerem Chaos und Gefühlsschwankungen einhergeht. Auch die Sehnsucht, alles möge so geblieben sein, wie wir es verlassen haben, ist trügerisch. Entweder fangen wir irgendwo ganz neu an und alles ist fremd und ungewohnt, oder es hat sich tatsächlich nicht viel verändert, außer unserem eigenen Erfahrungshorizont, für den sich aber leider niemand wirklich interessiert.

Ein „Wie war’s?“ und „Schön, dass ihr wieder da seid“ ist vielleicht das einzige, was wir zu hören bekommen, und dann stehen wir da mit unseren vielen Geschichten und neuen Erfahrungen und ärgern uns über das Desinteresse unserer Mitmenschen.

Fremde im eigenen Land

Besonders schwierig ist allerdings die Rückkehr für unsere Kinder. Vor allem dann, wenn sie bei der Ausreise noch sehr klein waren, wir mehr als nur drei Jahre im Ausland gelebt oder sogar mehrmals den Standort gewechselt haben.

Rückkehr impliziert immer die Ankunft an einen uns vertrauten Ort. Es hat etwas mit Heimatgefühl, Sicherheit und Geborgenheit zu tun. Ein Ort, an dem wir uns intuitiv richtig verhalten, weil wir die Regeln kennen, und ein Ort, mit dem wir einen Großteil unserer eigenen Geschichte verbinden.

Für uns Erwachsenen stimmt das auch (wobei das viele binationale Paare nochmal vor ganz eigene Herausforderungen stellt), und deshalb vergessen wir oft, dass für unsere Kinder nicht zwangsläufig das Gleiche gilt. Wir vermitteln ihnen unbewusst die ganze Zeit über die Botschaft, dass es leicht wird und dass sie sich wohl fühlen werden, und dass es eben „zu Hause“ sein wird. Die falsche Erwartungshaltung macht das Thema Reintegration noch schwieriger. Wenn ich damit rechne, dass etwas mühsam wird und eine große Veränderung bedeutet, die prozesshaft verläuft, bin ich auf Schwierigkeiten eingestellt.

Viele Expat-Kinder fühlen sich am Auslandsstandort viel mehr zu Hause, als in der Stadt, in der Papa früher in Deutschland gearbeitet hat.

Meine Kinder haben sechs Jahre am Stück in Changchun gelebt. Mein Sohn war zwei und meine Tochter vier, als wir dorthin ausgereist sind. Sie haben dort ihre Kindergarten- und Grundschulzeit verbracht. Sie kannten China viel besser als den Ort, in dem wir jetzt leben, hatten dort ihre Freunde und Freizeitaktivitäten. Unser Haus dort war gefühlt ihr Zuhause. Natürlich nicht zu 100%, da sie ja immer wussten, dass wir nur zu Gast sind und es irgendwann nach Deutschland geht, aber eben doch viel mehr als es das für uns Eltern war. Der Vorteil bei der Einreise nach China war, dass ja jeder Chinese gesehen hat, dass sie westlich aussehen, und dadurch erwartet wurde, dass sie kulturelle Gepflogenheiten nicht kennen und die Sprache nicht beherrschten.

Bei der Rückkehr nach Deutschland ist das aber nicht so offensichtlich. Jeder sieht ein deutsch aussehendes Kind und nimmt automatisch an, dass es die gleiche Sozialisation durchlebt hat, wie alle anderen Kinder auch. Niemand sieht unseren Kindern nach der Rückkehr an, dass sie anders groß geworden sind, dass sie sich eben nicht mit allem auskennen. Und ihre Selbstwahrnehmung ist auch, dass sie sich doch eigentlich auskennen müssten, schließlich sind sie hier zu Hause. Auch wir Eltern tappen in die gleiche Falle, waren wir doch oft genug in den Sommerferien oder zu Weihnachten in der Heimat und haben deutsche Feste ausgiebig gefeiert.

Wir kommen gar nicht auf den Gedanken, dass unsere Realität nicht die unserer Kinder ist, und bestärken sie dadurch noch in ihrer Erwartungshaltung. So müssen sie zwangsläufig zu dem Fazit kommen, dass mit ihnen irgendwas nicht stimmt, und dass die Menschen um sie herum, die sie als irgendwie seltsam wahrnehmen, Recht haben. Das ist fatal, gehört dieses, als „seltsam“ Wahrgenommene doch zu ihrer Identität.

Da die wenigsten Kinder gern „anders“ sein möchten, lernt ein Teil der TCKs diesen Anteil seiner Persönlichkeit zu verbergen und verleugnet dadurch einen wichtigen Teil seiner eigenen Geschichte. Einige wählen den entgegengesetzten Weg, kultivieren dieses „Anderes sein“ geradezu und ecken damit erst recht an, was eine Integration natürlich erschwert.

Fünf Tipps für eine leichtere Rückkehr

Mein Rat ist daher:

  1. Bereitet euch seelisch darauf vor, dass die Rückkehr härter wird, als ihr denkt und macht euch bewusst, dass eure Kinder vor ganz anderen Herausforderungen stehen, als ihr selbst.
  2. Plant die Rückreise gut und thematisiert Ängste und Erwartungen.
  3. Vermeidet, zu sehr zu betonen, wie toll und einfach alles „zu Hause“ wird
  4. Lasst euch mit dem beruflichen Wiedereinstieg etwas Zeit (wenn es irgendwie geht), um nicht zu viele Veränderungen auf einmal bewältigen zu müssen.
  5. Investiert die gewonnene Zeit in eure Kinder.

Wie ihr dabei auch als Trauerbegleiter hilfreich sein könnt, darum wird es im sechsten und letzten Artikel dieser Serie gehen.

Third Culture Kids - www.expatmamas.de - Portrait Ann Wöste CoachAnn Wöste ist zertifizierter Schema- und Hypno-Coach ebenso wie zertifizierter Kinder- und Jugendcoach (IPE). Das Thema, sich auch als globale Nomaden zu Hause fühlen zu dürfen, liegt ihr sehr am Herzen. „Überall zu Hause“ heißt deshalb ihr Coaching-Angebot für Expat-Partner und Third Culture Kids.  

Kommentare (4) Schreibe einen Kommentar

  1. Sehr schön geschrieben. Spricht mir aus der Seele! Vielen Dank für den Artikel. Grüße von einer mittlerweile ‚angekommenen‘ Familie

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  2. Vielen Dank für diesen ganz wunderbaren Artikel. Er sensibilisiert sehr gut für die Rückkehr nach Deutschland.

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