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Amerika, Bloggen, Corona

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Amerika, Bloggen, Corona – so buchstabieren sich die Pfeiler meines Alltags. Wobei Pfeiler wohl das falsche Wort ist, denn mir erscheint gerade alles auf sehr tönernen Füßen gebaut. Und meine Gedanken dazu sind nicht sehr zusammenhängend. Sind es überhaupt Gedanken? Eher Fragen.

Amerika – DER Hotspot der Pandemie. Wieder mal an der Spitze der Weltrangliste. Great. Aus dem Norden rollt die Infektionswelle mit Wucht auf die Südstaaten zu. Die Virologen rechnen mit dem Peak Ende April, Anfang Mai. Und was macht der Gouverneur von Georgia? Öl ins Feuer gießen. Während dieser Artikel online geht, öffnen Friseure, Sportstudios, Nagelsalons und Bowling-Bahnen ihre Pforten. Am Montag sollen Restaurants folgen. Der Economist titelt dazu „Die in Dixie“ (Dixieland, nicht Klo). Mehr braucht man nicht sagen.

Seit fünf Wochen melden sich jede Woche Millionen Amerikaner arbeitslos. Inzwischen sind es 26 Millionen, die durch die Pandemie ihren Job verloren haben. Es war abzusehen, auch ohne Volkswirt zu sein. Hier gibt es kaum Arbeitsverträge, geschweige denn Kündigungsfristen. Es war auch abzusehen, dass alle so lange wie möglich am Arbeitsplatz erscheinen würden. Husten und Fieber? Krank sein muss man sich hier leisten können.

Die Schulen bleiben zu bis zum Sommer. Auch unsere. Am Montag hat das der Direktor mit seinem Krisenstab endgültig entschieden; wir haben es alle geahnt und sind ihm dankbar. Aber es ist auch unendlich traurig für die Kinder. Vor allem die, die wegziehen werden. Also auch für uns. Eigentlich.

Unser Abenteuer Amerika kam mit einem Familienkompromiss zustande. Papa geht voraus, die Familie folgt für ein Schuljahr, geht zur Oberstufe von Kind 1 zurück nach Deutschland und der Papa folgt im anschließenden Sommer nach Ende seines Mandats. Das war der Plan. Aber wie soll das funktionieren angesichts der internationalen Reisebeschränkungen? Wie soll man hin- und her, wenn kaum Flüge möglich sind und an jedem Ende der Reiseroute Quarantänezeiten bzw. Einreisesperren bestehen?

Bloggen – manchmal habe ich richtig schlechte Schreibtage. Da geht mir die Luft aus, die Welt mit Ironie zu betrachten. Und der Welt geht – zumindest laut meiner Blog-Statistiken – die Lust und Zeit für Galgenhumor verloren. Texte wie meine Corona-Post verschwinden jedenfalls kaum beachtet in den unendlichen Tiefen des Internets. Was soll man also schreiben? Und woher die Zeit nehmen, wenn man inzwischen für einen Einkauf einen halben Tag einkalkulieren muss?

Mittlerweile habe ich eine Liste mit den „Texten, die ich diese Woche nicht geschrieben habe“. Ein Berater würde das euphemistisch umschreiben: Die Pipeline ist voll. Mancher Gedanke ist von der Realität überholt, noch bevor man auf „Veröffentlichen“ klicken kann; manche Idee scheint unzeitgemäß. Meine Expatmamas-Wissen-Serie will ich schon lange fortsetzen, aber mir erscheinen manche Themen an den aktuellen Bedürfnissen vorbei zu zielen. Oder wollt ihr jetzt z.B. lesen, wie man im Ausland einen Kindergarten sucht? Wer wird denn derzeit noch entsandt?

Corona – bestimmt alles Denken und Handeln. Ein permanenter Anpassungsprozess. Oder wie unser Headmaster an der Schule schrieb:
It’s like building and flying the plane at the same time while changing the engine mid-air.“

Inzwischen sind wir bei der dritten und bis zu den Sommerferien letzten Variante unseres virtuellen Stundenplans angekommen. Und dieses Mal scheinen alle zufrieden.

Variante 1, die die Fortschreibung des regulären Stundenplans nur via Zoom war, entpuppte sich nach zwei Wochen als zu ambitioniert für alle Seiten. Zu viel Zeit am Bildschirm für die Schüler, zu viel Präsenzpflicht für Lehrer mit Kindern daheim. Variante 2 war das extreme Gegenteil, fast schon das deutsche Modell, mit nur zwei Fächern am Tag und viel zu viel Aufgaben, die jeder allein im stillen Kämmerlein erledigte.

Das jetzige Modell ist ein guter Kompromiss: 4 Fächer am Tag via Zoom, aber verkürzte Stunden (40 statt 60 Minuten), 2 Sportstunden pro Woche, Community time für gemeinsame Online-Quiz-Spiele o.ä., reguläre Lehrersprechzeiten. Wir mögen es. Nächste Woche gibt es sogar die erste Mathe-Arbeit vor dem Bildschirm. Mal sehen, ob wir das auch mögen.

Kind 1 hat im Maskennähen die Rettung nicht unbedingt für Corona, aber für das verpflichtende Schuljahres-Soll für Community-Service gefunden. Fix ein paar Mundschutze für die Nachbarn gezaubert und anschließend ausführlich darüber eine Reflection geschrieben. Eine Sorge weniger, Corona sei Dank. Der Bestand an Gummibändern ist jetzt allerdings bei null.

Auch an anderer Stelle offenbart Corona Defizite im Haushaltsmanagement:
– Wir besitzen zu wenige, kleine Händehandtücher. Wenn vier Personen Dauer-Hände-waschen, haut man den gesamten Bestand binnen 48 Stunden durch.
– Wir besitzen ebenso zu wenige Trinkgläser. Fast täglich muss gegen Abend auf die Picknick-Becher zurückgegriffen werden.
– Wir sind zu abhängig von externen Brot-Zukäufen. Sonntags um 8 Brötchen selber machen, haben wir nur zweimal geschafft in sechs Wochen. Seufz.

Aber wie schrieb der Headmaster weiter:

In times like these, we can only control what we can control; which is our attitude and our actions. Stay positive, learn from the obstacles and we will come out of this stronger!“

Wir haben also unsere Haltung an die Erfordernisse eines Sonntagsfrühstücks geändert (attitude), uns einmal an die gesüßten Laugenrohlinge aus dem Supermarkt gewagt (action); trotz des merkwürdigen Geschmackserlebnisses aufgegessen (stay positive), sind auf Knäckebrot ausgewichen (learn) und sind jetzt weniger festgelegt als noch vor Wochen (stronger).

Geht doch.

2 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

  1. Gabriele Maria Löbel sagt:

    Jonna, danke für diese Eindrücke! Sie bestätigen doch so einige Nachrichten, die wir hier hören und sehen. Ich wünsche Euch viel Kraft und Durchhaltevermögen – Amerika hattet ihr euch ganz bestimmt anders vorgestellt! Aber hier in Belgien ist es gerade auch nicht besonders!
    Liebe Grüße und ich lese weiter mit!
    Gaby

    1. Jonna sagt:

      Liebe Gaby,
      vielen Dank. Das wünsche ich euch auch und der ganzen Welt! Ich freue mich sehr über dein Feedback und dass du uns lesend begleitest!
      Alles Gute!
      Jonna

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