Zwischen Baum und Borke

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Oder: Wie ich zur Protagonistin einer griechischen Tragödie avanciere

“To be stuck between a rock and a hard place”, heißt es im Englischen so schön. Kennt ihr diese Redewendung? Hierzulande sagt man “zwischen Baum und Borke stecken” oder auch: “zwischen zwei Stühlen sitzen”. Sie alle meinen das Gleiche: Man steckt in einer Entscheidung fest, ist zwischen zwei Optionen gefangen, die nicht miteinander vereinbar sind. Womit wir bei der antiken griechischen Tragödie wären, die sich dadurch auszeichnet, dass sich der Protagonist (hier: die Expatmama to be) in einer ausweglosen Lage befindet, in der er (respektive die Expatmama, also ich) durch jedwedes Handeln nur schuldig werden kann. “Schuldlos schuldig” war das Stichwort im Deutsch-LK. (Und da sage noch einer, man bräuchte sein Wissen über klassische Tragödien nie wieder.) Wie also kam ich zu dieser späten Theaterkarriere?

Ganz einfach: der Mann geht – wieder einmal – ins Ausland und schon ist er da, der klassische, innere Konflikt der Protagonistin, die gerade andere Lebensziele hegt als ein neues Auslandsabenteuer. 

Sich verweigern? Unmöglich, ohne dem Mann einen beruflichen Traum zu zerstören.

Mitgehen? Unmöglich, ohne die eigenen Wünsche und die Schulinteressen der Teenager im Haus nicht zu torpedieren. 

Auf Distanz leben? Unmöglich, ohne die bisherigen Vorstellungen eines Familienlebens über Bord zu werfen.

Schuldlos schuldig. So einfach zu lösen wie die Quadratur des Kreises. Wir zirkeln noch bzw. – um beim Bild der Tragödie zu bleiben – der Vorhang zu diesem Stück ist noch nicht gefallen. Wie viele Akte wir aber spielen werden, ist auch noch nicht klar. In dieser Hinsicht entfernen wir uns also von der antiken Vorlage und falls sich am Ende doch ein Happy End einschleicht, dann liegt das einzig daran, dass der Mann nach Amerika geschickt wird und der Einfluss Hollywoods nicht zu unterschätzen ist. 

Beginnen will ich aber ganz klassisch, mit dem Prolog, dem erklärenden Vorwort der Griechen, üblicherweise vor dem Einzug des Chores (die Rolle des Chores hatte ich übrigens euch zugedacht, denn laut Wikipedia bestand seine Funktion darin, das Geschehen zu kommentieren – dafür steht euch das Kommentar-Feld unten zur Verfügung. Ihr müsst auch nicht singen, schon gar nicht unisono.)

Um also das Dilemma der Protagonistin besser einordnen zu können, erzählt euch der Prolog ein bisschen was aus der Vorgeschichte. Und dafür bemühe ich nochmal die Baum-Metapher.

Wurzeln

Ich weiß eigentlich bis heute nicht, wo meine Wurzeln sind oder ob ich eine Heimat habe. Rückblickend habe ich das Gefühl, ich war immer “die Neue”. Ich war auf drei Grundschulen, in 3 Städten, zwar nur in Deutschland, aber das reicht für ein Kind, um sich fremd zu fühlen.

Noch heute weiß ich nicht, was ich sagen soll auf die Frage, woher ich komme, wenn ich wieder mal wegen meines Hochdeutschs auffalle. Geboren in Hessen, eingeschult in Baden-Württemberg, Abi in NRW, studiert in Rheinland-Pfalz, gearbeitet in Hamburg, inzwischen in Schwaben zu Hause. Meistens stecken mich die Menschen in die norddeutsche Schublade (und das bei Eltern, die in Bayern und Österreich geboren sind!). Ich bin darum aber nicht böse, schließlich trage ich einen skandinavischen Vornamen und inzwischen einen norddeutschen Nachnamen.

Ich weiß also nicht, wie das ist, an einem Ort schon immer alle gekannt zu haben. Nirgendwo habe ich bisher länger als 10 Jahre gelebt. In meinem Erwachsenen-Leben sowieso gar nicht.

Auch mein eigenes Familienleben begann nicht am Geburtsort meiner Tochter, sondern in England. Sie war bei der Ausreise vier Monate alt, Kind zwei kam 11 Monate später dazu. (Alles nachzulesen hier.) Die Rückkehr nach Deutschland vier Jahre später war für die Kinder keine Rückkehr und auch für uns wieder ein Neuanfang. Und wie jeder Gärtner weiß: jedes Umpflanzen kostet Zeit und viel Pflege, bis alles wieder fest verwurzelt ist; je größer die Pflanze, desto mehr. Wenn sich aber die Pflanze entfalten soll und den Stürmen trotzen will, braucht sie starke Wurzeln. Und da setzt schon wieder jemand den Spaten an….

An dieser Stelle endet der Prolog. Die emotionale Ausgangsituation der Protagonistin ist bekannt und der Chor setzt ein, um dem Publikum das Gehörte zu deuten. Dem will ich nicht vorgreifen. Das Stück nimmt seinen Lauf und wer den Blog abonniert, hat sozusagen einen Dauerkarte für die erste Reihe. 

Kommentare (11) Schreibe einen Kommentar

  1. Du meine Güte, Jonna! Damit habe ich nicht gerechnet. Tausend Fragen: Wann, welche Stadt, wie lange? Da bleib ich mal schön in der ersten Reihe sitzen, dann werde ich es wohl erfahren. Huiuiui.

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  2. Auwei – knifflige Situation… das Schuljahr hier zuende machen, erstmal für ein High School Jahr mitgehen und die endgültige Entscheidung aufschieben? …. oder auf das römische Theater mit einem deus ex machina setzen ….?

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  3. Wenn Baum und Borke von außen Druck machen, muss die Entscheidung von innen kommen: Was sagt dein Bauchgefühl, Jonna? Was kannst du eher bewältigen: Umzug oder Trennung? Denn so oder so wirst du diejenige sein, die die Hauptlast zu tragen hat …

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  4. Heieiei….alles Gute für diesen Prozess. Bei uns dauern diese Entscheidungsprozesse wirklich lange und sind diffizil….bis eine Lösung auftaucht, die sich dann für alle stimmig anfühlt. Wichtig für mich ist dabei ganz klar auch bei mir zu schauen, was meine Wünsche, Bedürfnisse, Grenzen sind….Und Ausland ist ja nicht gleich Ausland, wohin es geht macht ja auch noch einen riesigen Unterschied!!! Anyway, alles Gute nochmals und liebe Grüße aus Indien!

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  5. Liebe Jonna,
    soll ich jetzt wünschen, dass sich die Tragödie in eine Komödie mit vollkommen unerwarteten Wendungen und Eingriffen von außen verwandelt? Für die in der ersten Reihe ist das ja immer ganz lustig, aber selbst auf der Bühne wäre das nun auch nicht mein Ding.
    Auf jeden Fall alles Gute und ich verfolge es gespannt weiter!
    Melanie

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  6. Großartiger Beweis, dass die ‘alten’ Griechen das Dilemma des scheinbar unauflöslichen Konflikts sehr zeitgemäß besungen haben. Du hast das höchst amüsant auf Deine Situation angewandt und spannst den Bogen bis Brecht: Vorhang zu, und alle Fragen offen.
    Aber bei einer so lieben Familie wird sich die beste Lösung einstellen, davon bin ich fest überzeugt.

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  7. Pingback: Am Anfang war der Keks | Expatmamas – im Ausland zuhause

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