Expat-Leben: E-e-e-lefant

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Man sagt ja, es gäbe ein paar Krankheiten, die man nur auf Deutsch bekommen kann: Frühjahrsmüdigkeit zum Beispiel. Oder Weltschmerz. Oder Torschlusspanik. Einen witzigen Beitrag dazu findet ihr hier.

Wir aber hatten in unserer England-Zeit tatsächlich eine Krankheit nur auf Deutsch. Und das ist kein Witz.

Unser Sohn war zweieinhalb, als er quasi über Nacht zu stottern begann. Für ihn wurden im Deutschen die einfachsten Wörter zu Zungenbrechern, die Sprache zur Qual, jedes Wort eine Hürde: «E-E-E-Ele- Elefant»! Kein Satz wollte mehr gelingen. Der kleine Mann bemühte sich, bis die Tränen flossen und schließlich ein verzweifeltes: «Ich kann es nicht mehr!» aus ihm herausbrach.

Verunsichert erkundigte ich mich in der Nursery (Kindergarten). „Stottern? – Nein, nicht im Geringsten. Er kann alles sagen.“ Wie konnte das sein? Daheim quälte er sich von Wort zu Wort, während er im Englischen seine kleinen Sätzchen flüssig sprach? Ich hätte an meiner Wahrnehmung gezweifelt, wenn nicht meine Familie und eine deutsche Nachbarin Zeugen des Martyriums gewesen wären und mit uns jeden Satz durchlitten. Was sollte aber ein Besuch beim Arzt in der Surgery helfen, wenn das Kind im Englischen kein bisschen stotterte?

Wieder einmal kamen mir die Kinderärzte in meiner Familie zu Hilfe. Per Ferndiagnose erklärten sie mir: «Keine Sorge. Kleine Jungen leiden besonders häufig am sogenannten Entwicklungsstottern; das vergeht spätestens in sechs bis zwölf Monaten.» Entwicklungsstottern – so hieß also unsere deutsche Krankheit.

Nur warum war das so, dass er ausgerechnet in seiner Muttersprache, die er viel besser beherrschte, das Stottern entwickelte? Lag es daran, dass sein Wortschatz im Deutschen so viel komplexer war als im Englischen? Dass sein Kopf sozusagen schneller als die Zunge war und er sich deswegen verhedderte? Dass er im Englischen viel mehr mit Standardsätzen und festen Versatzstücken sprach, ähnlich wie bei Reimen und Liedern, die er weiterhin flüssig sagen konnte?

„Genau deswegen!“, bestätigten mir die Kinderärzte.  „In seiner Muttersprache macht er jeden Tag gewaltige Entwicklungsschritte durch, da entsteht ein Missverhältnis zwischen Denken und Artikulation, er denkt schneller als er sprechen kann, überholt sich quasi selbst und kommt verbal ins Stolpern. Das ist durchaus normal bei Kindern zwischen zwei und fünf und verwächst sich wieder.“

„Das heißt: abwarten und Tee trinken?“

„Genau so.“

„Aber ich muss doch irgendwas tun?“  Die Vorstellung monatelang dem Gestammel hilflos zuhören zu müssen, entsprach nicht meiner zupackenden Art.

„Ja, unbedingt geduldig sein! Man kann als Erwachsener in der Situation viel falsch machen. Auf keinen Fall die Sätze zu Ende sprechen, auch wenn du weißt, was er sagen will. Ihn nicht verbessern. Ihn nicht auffordern, langsam zu sprechen oder Luft zu holen und auf gar keinen Fall in seiner Gegenwart darüber sprechen.“

Ertappt schielte ich in die Spielecke. Gott sei Dank schienen die beiden in ihr Spiel vertieft. Immerhin hörte ich noch, dass ich nicht alles falsch gemacht hatte, denn Singen und Reimspiele wurden mir ausdrücklich empfohlen. Es bestand also noch Hoffnung.

Ich legte halbwegs erleichtert den Hörer auf. Irgendwann würden Denken und Sprechen wieder in Gleichschritt kommen. Darauf würde ich vertrauen müssen und während ich so sinnierte, schlug meine Große ihrem Bruder völlig unvermittelt  auf den Kopf. Auf mein entsetztes „Was machst du da?“ kam entschuldigend: „Ich will, dass die Wörter nicht mehr feststecken!“  –  Kinder können unglaublich gut lauschen, während sie spielen.

Nun, der Schlag hat nicht geholfen, aber tatsächlich Lieder singen und Reime sagen und geduldig sein. Ein halbes Jahr später war unsere deutsche Krankheit überwunden. Heute frage ich mich allerdings manchmal, ob mein Sohn vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt auch einmal im Englischen gestottert hätte, wenn seine Sprachentwicklung einen ähnlichen Schritt wie im Deutschen gemacht hätte.

Info:
Mehr zum Thema Entwicklungsstottern findet ihr in diesem Artikel der Ärztezeitung  und zum Beispiel bei diesen Logopädinnen hier und hier.

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