Interview: Neu in...

Neu in … Nottingham

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Nicht nur Expats lesen diesen Blog und schon gar nicht nur Deutsche. Deswegen freue ich mich ganz besonders, dass Isabel heute Gast ist in meiner Reihe „Neu in…“ Die Schweizerin ist mit ihrer Familie nach England ausgewandert, um sich in Nottingham eine eigene Existenz aufzubauen. Dafür braucht man nicht nur viel Mut, sondern in Pandemie-Zeiten auch einen extra-langen Atem und viel Optimismus.

e/m: Liebe Isabel, wie kam es, dass du mit deiner Familie nach England gezogen bist?

I: Wir hatten bereits vor 6 Jahren das erste Mal die Idee, nach England auszuwandern nach einem Besuch bei Freunden. Den Plan haben wir wieder verworfen, weil ich mir zu unsicher war, diesen Schritt zu gehen. Im Verlauf der Jahre kam immer wieder Mal die Diskussion auf auszuwandern, vor allem, weil mein Mann sich zunehmend frustriert fühlte in der Schweiz und für sich und schlussendlich auch für uns bessere Möglichkeiten hier sah. 

Ich war immer die, die bremste. Aber dann überkam mich letzten Herbst, also 2019, plötzlich der Gedanke, dass ich nicht mit 85 Jahren im Altersheim sitzen und mich fragen möchte, was wäre wenn gewesen… So entschlossen wir uns kurzerhand, es zu wagen – kündigten unsere Stellen, unsere Wohnung, Krankenkasse, Versicherungen usw. und unser Start in UK sollte Ende Februar 2020 sein.

e/m: Wie seid ihr auf England gekommen? Was hat euch denken lassen, dass ihr dort besser aufgehoben seid als in der Schweiz?

I: Wenn du dich selbstständig machen willst, sind in der Schweiz die Hürden sehr hoch. Ausbildungen, die du absolviert haben musst, Auflagen, die erfüllt werden müssen usw.

Diese Hürden sind in Großbritannien viel kleiner und man hat viele Möglichkeiten hier. Im Moment arbeitet mein Mann selbstständig als Elektriker, sein Ziel aber ist es, ein Lebensmittelgeschäft zu übernehmen. 

Durch Corona ist es jetzt natürlich schwieriger, geschäftliche Kontakte zu knüpfen, viele zögern mit Investitionen, auch wegen des Brexit. Das wäre Anfang des Jahres sicher noch anders gewesen ohne Corona.

e/m: Wie seid ihr auf Nottingham gekommen?

I: Nun, mein Traum wäre Cornwall gewesen, aber dort sind die Lebenserhaltungskosten höher als in Mittelengland. Deshalb haben wir uns aus praktischen Gründen zunächst für Nottingham entschieden. 

Es ist ungefähr gleich groß – von der Einwohnerzahl her – wie Bern. In der Nähe von Bern haben wir gelebt. Eine Großstadt wie Manchester hätte ich mir nicht vorstellen können.

Wir waren vorher nie hier, aber wir haben uns natürlich online informiert und mein Mann war Anfang des Jahres hier, als er uns ein Haus gesucht hat.

e/m: Wie war der Start für deine Familie? 

I: Der Start war aufregend. Mein Mann fuhr mit dem Umzugsunternehmen mit und richtete bereits das Haus ein. Ich folgte mit den Kindern eine Woche später per Flugzeug, damit ich noch die letzten administrativen Arbeiten erledigen konnte. z.B. die alte Wohnung abgeben, Abmeldung bei der Gemeinde usw. 

Die Kinder haben sich sehr gefreut. Aber schon bald war klar, dass der Lockdown nicht mehr weit ist: überall in den Nachrichten wurde nur noch über Covid19 berichtet, der Quartierladen war beinah leer gekauft. In aller Eile versuchten wir, ein Auto zu kaufen, was zum Glück gelang, bevor alles zu machte. 

Die Kinder vermissten die Schweiz sehr, für sie war es doch schwieriger als wir dachten. Unserem Sohn fehlte vor allem, dass er in den Kindergarten gehen konnte. Wir waren es anfangs nicht gewohnt, rund um die Uhr zusammen zu sein. Aber aus genau diesem Grund waren wir ja ausgewandert, wir wollten mehr Zeit für unsere Familie haben – und dank Corona bekamen wir diese auch.

e/m: Wann kamen die ersten Einschränkungen wegen Corona? 

I: Der Lockdown begann 2 Wochen nach unserer Ankunft, also Mitte März. Aber bereits vorher waren die Lebensmittelgeschäfte z.T. ausverkauft. Es wurde empfohlen, nicht mehr mit dem öffentlichen Nahverkehr zu fahren.

Die Beschränkungen waren sehr rigoros: Zuhause bleiben, nur eine Stunde frische Luft pro Tag, rausgehen nur für Lebensmitteleinkäufe oder Arztbesuche.

e/m: Hattet ihr vorher Zeit, euch zu orientieren? Die Gegend zu erkunden? Vielleicht schon einen ersten Lieblingsort zu entdecken? Oder gar Kontakte zu knüpfen?

I: Einige Nachbarn kannten wir schnell vom Sehen und Grüßen. 

In der City waren wir nur einmal kurz und wollten den Kindern das Castle zeigen, das leider gerade im Umbau ist und das wir deswegen nur von außen anschauen konnten. 

Dank Google und Auto entdeckten wir dann alle wunderschönen Parks hier in der Stadt und in der Umgebung. Zum Glück sind alle Parks schnell erreichbar, sodass wir doch ein bisschen Abwechslung hatten. Wir haben das Glück, dass wir sogar in unserem Quartier und direkt vor unser Haustür einen kleinen Park haben. So konnten wir die Kinder hier wenigstens den ganzen Tag draußen spielen lassen. Und dadurch lernten wir dann noch andere Familien kennen.

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e/m: Mit welchen Schwierigkeiten hattet ihr vor der Ausreise gerechnet? Und welche sind jetzt die tatsächlichen Herausforderungen?

I: Wir haben damit gerechnet, dass vor allem administrative Schwierigkeiten auf uns zu kommen, auch weil wir beide nicht sehr gut englisch sprechen. Aber dank der Hilfe von Nachbarn und Bekannten konnten wir diese Hürden gut nehmen. 

Die größte Herausforderung war das 24h-Beisammensein, die Unsicherheit wegen Corona, die Sorge um unsere Familien, die wir jetzt nicht mehr mal schnell, schnell besuchen konnten und das Heimweh der Kinder.

e/m: Wie geht es deinen Kindern inzwischen? 

I: Unseren Kindern geht es hervorragend. Seit sie in der Schule sind, konnten sie endlich Freunde finden und sind auch abgelenkt vom Heimweh. Sie saugen die fremde Sprache auf wie Schwämme.

Natürlich sind sie auch von Corona belastet – überall ist es ein großes Thema, auch hier in der Schule und sie spüren natürlich die Sorgen, die wir uns machen und hören die Gespräche mit. Aber sie gehen sehr gut damit um. Und dank der geöffneten Schulen, ist jetzt doch für sie wieder ein bisschen Normalität eingekehrt.

e/m: Gehen eure Kinder auf eine öffentliche Schule? 

I: Unsere Kinder besuchen eine staatliche Schule. In Großbritannien ist es sehr wichtig, wo man wohnt, damit die Kinder auf eine gute Schule kommen. Außer man kann sich eine private Schule leisten. 

Wir haben zu Fuß 15 Minuten Weg in unsere Schule, die ein „Ausgezeichnet“ hat im Rating

Unser Sohn war zuerst auf einer anderen Schule eingeteilt. Man kann zwar bei der Anmeldung die gewünschten Schulen angeben, aber wenn sie keinen Platz haben, werden die Kinder anderswo untergebracht. Unsere Tochter erhielt einen Platz an unserer bevorzugten Schule. 

Wir legten Rekurs ein gegen den Entscheid, dass unser Sohn ins Nachbardorf gehen sollte. Zuerst musste er dorthin, aber Dank unseres Rekurs konnte er dann nach den Herbstferien wechseln. Und der Unterschied zwischen den Schulen ist frappant, obwohl die Schule im Nachbardorf ein „Gut“ im Rating hat.

e/m: Bekommen die Kinder spezielle Unterstützung fürs Englische?

I: Es gibt hier Klassenassistenten, die die Lehrer unterstützen, was auch nötig ist bei 30 Kindern in einer Klasse. Diese Assistenten lernen mehrmals wöchentlich separat mit unserem Sohn. Er hat es etwas schwerer, weil er quasi das erste Schuljahr verpasst hat und in Englisch sehr viel aufholen muss. Zusätzlich übe ich zu Hause jeden Tag mit ihm. Idealerweise wären wir schon vor 2 Jahren ausgewandert. Das wäre für ihn leichter gewesen. Aber wir und die Lehrer sind sehr zuversichtlich, dass er bald mithalten kann. Er ist sehr motiviert.

Unsere Tochter ist im Kindergarten und sie wird die Sprache eher „nebenbei“ lernen. 

e/m: Unter den erschwerten Bedingungen durch Corona: Was gefällt Deiner Familie bisher am Besten? Was fällt dir am schwersten?

I: Wir finden die Parks und die Natur hier großartig. Wir waren auch in der Schweiz schon immer viel draußen mit den Kindern. Wandern oder im Wald unterwegs. Aber hier können wir in 2 Stunden am Meer sein – das ist für uns schon speziell als Schweizer :-)

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River Trent
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Skegness

Am schwersten fällt mir definitiv, dass die sozialen Kontakte so sehr eingeschränkt sind. Man kann zwar Kurse online abhalten – ich habe auch meinen Englischkurs online – aber das ist kein Ersatz zu sozialen Interaktionen.

Nottingham finde ich toll. Wie ich von anderen Müttern erfahren habe, gibt es hier für Kinder unglaublich tolle Veranstaltungen, Museen usw. Das werden wir dann hoffentlich nächstes Jahr alles entdecken können.

e/m: Was war das Nützlichste, was Du von zuhause mitgebracht hast?

I: Gute Frage :-) Es ist kein Ding. Dinge kann man immer mit irgendetwas ersetzen. Ich glaube, es ist unser Glaube an uns selbst, an unsere Familie und dass wir es schaffen werden, hier unsere Träume zu verwirklichen.

e/m: Wer oder was hat Dir in dieser Zeit bisher am meisten geholfen?

I: Mein Mann, wenn mir mal Corona und alles zu viel wurde. 

Und dass ich täglich 1 Stunde für mich alleine spazieren war.

e/m: Wie wird es für euch weitergehen?

I: Wir hoffen, dass wir bald unser Geschäft hier eröffnen können. Corona hat uns quasi ein Jahr pausieren lassen. Dass wir uns hier noch besser einleben, endlich Freundschaften aufbauen können, Leute kennenlernen können, unsere Hobbies ausleben können….

e/m: Hast du vor, wieder in deinem Beruf zu arbeiten?

I: Ich war als Fachfrau Radiologie tätig, wahrscheinlich werde ich meinen Mann in unserem zukünftigen Geschäft unterstützen. Aber die Möglichkeit besteht sicher, dass ich in meinem alten Beruf mal wieder arbeiten werde. Allerdings sind die Schichten hier in den Spitälern nicht gerade familienfreundlich- meist 12 Stunden am Stück. Wir werden sehen, wie sich alles entwickelt. 

e/m: Worauf freust Du Dich in den nächsten Wochen am Meisten?

I: Ich freue mich auf Weihnachten und auf den Jahreswechsel. Leider feiern wir dieses Mal alleine für uns, aber wir werden sicher eine Liveschaltung in die Schweiz machen. Und ich hoffe auf das nächste Jahr, dass sich alles normalisiert.

e/m: Dass hoffe ich auch sehr. Vielen Dank, liebe Isabel, dass Du Dir Zeit genommen hast. Ich wünsche euch gutes Einleben trotz der Schwierigkeiten und viel Erfolg für eure Selbstständigkeit! Bleibt gesund!

Möchtest du auch deine Geschichte erzählen? Dann freue ich mich, wenn du mir schreibst.

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