Interview: Neu in...

Neu in … Ramallah

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Von Berlin nach Ramallah zog die gebürtige Wienerin Teresa mit ihrem Mann. Inzwischen haben sie eine kleine Tochter und ich freue mich wahnsinnig, dass sie sich Zeit genommen hat, von ihrem neuen Expat-Leben dort zu erzählen.

e/m: Liebe Teresa, du bist an keinem ganz gewöhnlichen Expat-Ort gelandet? Wie kam das? 

Teresa: Die Antwort ist ganz leicht: Meinem Mann wurde in Ramallah ein toller Job für eine deutsche Stiftung angeboten und er hat ihn angenommen! 

e/m: Ist das eure erste Auslandsstation? Wie lange sollt ihr bleiben?

Teresa: Ja und wir haben uns sehr darauf gefreut. So genau wissen wir das noch nicht, zwischen zwei und fünf Jahren ist alles möglich.

e/m: Kanntest du den Nahen Osten bzw. die Palästinensischen Gebiete schon vorher?

Teresa: Nein, ich war noch nie in der Gegend zuvor, noch nicht mal in Israel. Mein Mann konnte in der Vorbereitungszeit zur Wohnungssuche eine Woche hier verbringen. Aufgrund meiner Arbeit konnte ich ihn damals leider nicht begleiten, aber es hat mich beruhigt, dass er sich ein Leben hier vorstellen konnte.

e/m: Sprichst du die Sprache?

Teresa: Ich habe seit August wöchentlich Arabisch-Unterricht via Skype und das klappt sehr gut. Es wird natürlich noch dauern, bis ich es wirklich anwenden kann. Ansonsten kommt man hier gut mit Englisch zurecht. Viele Palästinenser haben ein hohes Bildungsniveau und sprechen besser Englisch als ich. Ansonsten erfahren wir auch viel Hilfsbereitschaft. Falls man mit Englisch mal nicht weiterkommt, wird uns mit Händen und Füßen oder fremder Hilfe alles Wichtige vermittelt. 

e/m: Kannst du dich frei in der Stadt bewegen?

Teresa: Ja, Ramallah ist sehr sicher. Generell können wir uns als Europäer in der Gegend einigermaßen frei bewegen. Klar, man ist abhängig von den Öffnungen der israelischen Checkpoints, die sich auch rund um Ramallah befinden. Aber wenn man die Wege von und nach Ramallah herausgefunden hat und welchen Checkpint man wann benutzen kann, dann kommt man hier schon gut klar.

e/m: Wo genau lebt ihr?

Teresa: Wir wohnen in einer Wohnung in einem beliebten Wohnviertel Ramallahs. Schon allein die Wohnungen hier sind sehr groß und auf Großfamilien ausgelegt, weswegen wir ein Haus gar nicht füllen könnten.

e/m: Was war Dein erster Eindruck?

Teresa: Wir kamen im Januar hier an und ich dachte nicht, dass es so kalt werden kann. Die Häuser sind eindeutig nicht für den Winter gemacht, geheizt wird mit Strom, was sehr teuer ist. Da war ich schon froh, dass unsere Tochter erst im Sommer geboren wurde. Ansonsten war die größte Umstellung, dass man hier alles mit dem Auto macht, keiner läuft, dafür ist die Stadt zu hügelig. Ansonsten ist Ramallah eine sehr „westliche“ Stadt, weswegen uns die Eingewöhnung nicht so schwer fiel.

e/m: Ist deine Tochter in Ramallah auf die Welt gekommen?

Teresa: Nein. Aufgrund der Corona-Situation hier im Frühjahr, wo das ohnehin schon bescheidene Gesundheitssystem zu kollabieren drohte, und einfach dem Fakt, dass wir hier kaum jemanden gekannt haben, habe ich mich entschlossen daheim in Wien zu entbinden. Im Nachhinein sind wir darüber sehr froh, da unsere Familie die Kleine sonst noch nicht hätte kennenlernen können.

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e/m: Hast du inzwischen schon einen Lieblingsort in Ramallah?

Ich liebe unsere Terrasse mit Blick über die Stadt und bis nach Jerusalem. Bei schönem Wetter im Sommer sieht man sogar die Skyline von Tel Aviv!

e/m: Was gefällt Dir/Deinem Mann bisher am Besten?

Teresa: Ich glaube, wir genießen beide die Vielfalt an Landschaften in der Region. Ramallah liegt mit 900m sehr hoch und wird eher als kühl bezeichnet. Im Winter, wenn es hier viel regnet, sind wir in gut 1,5 Stunden am Toten Meer auf fast minus 500m unter dem Meeresspiegel, wodurch es auch immer ca. 15 Grad wärmer ist. Gleichzeitig liegt 1 Stunde westlich von uns die Mittelmeerküste rund um Tel Aviv-Jaffa und in 2 Stunden stehen wir mitten in der Wüste Negev. 

e/m: Was war das Nützlichste, was Du von zuhause mitgebracht hast?

Teresa: Eindeutig Drogerieartikel und Babyklamotten. Beides bekommt man eher in Israel und gerade auch wegen der dortigen Lockdowns sind wir in diesem Jahr kaum nach Jerusalem gekommen.

e/m: Habt ihr euch in besonderer Weise auf die Entsendung vorbereitet?

Teresa: Nicht so richtig. Wir haben uns aber einige Dokumentationen über die Region angesehen und Bücher gelesen. Außerdem haben wir uns mit dem Vorgänger meines Mannes und seiner Familie, die vier Jahre hier gewohnt hatten, getroffen. Die haben uns auch noch Tipps gegeben.

e/m: Wer oder was hat Dir in den ersten Tagen/Wochen am meisten geholfen?

Teresa: Mein Mann. Er hat mich zu Beginn des Jahres, als ich noch schwanger war, zu vielen dienstlichen Ausflügen mitgenommen, damit wir die Region beide gleichermaßen kennenlernen können. Wir haben viele nette Menschen getroffen, die uns an ihrem Leben teilhaben lassen und uns ihre Geschichten erzählten. Seine Kollegen haben auch viel dazu beigetragen, uns hier zurechtzufinden und zu organisieren. Die sind jetzt auch immer noch eine große Hilfe. Aber auch meine Familie in Österreich, mit der ich beinahe täglich telefoniert habe, hat sich gefühlt mit uns in das Abenteuer gestürzt.

e/m: Was waren bisher für dich die schwierigsten Momente?

Teresa: Definitiv, dass wir bisher praktisch keinen Besuch empfangen konnten. Einzig gleich zu Beginn im Januar waren meine Schwester und eine Freundin zu Besuch. Aber seit März können keine Touristen ins Land, das macht alles schon etwas härter für uns.

e/m: Wie ist die Corona-Situation in den Palästinensischen Gebieten?

Teresa: Das Virus scheint hier unter Kontrolle zu sein, kaum jemand achtet mehr auf Abstand oder Maske. Tatsächlich wird aufgrund erschöpfter Kapazitäten aber kaum getestet, das Ministerium verweist auf eine hohe Dunkelziffer. Ein weiterer Lockdown wie in Israel ist jedoch wirtschaftlich nicht tragbar, weswegen einfach so gut es geht mit Corona gelebt wird. Bisher gab es jedoch vergleichsweise wenige Tote, vermutlich weil die Bevölkerung hier sehr jung ist.

e/m: Worauf freust Du Dich in den nächsten Wochen am Meisten?

Teresa: Wir warten gespannt die Regelungen der Bundesregierung bezüglich Weihnachten ab und hoffen, dass wir auch zur Familie nach Berlin können. In Österreich kann man sich derzeit „freitesten“, also werden wir zumindest meine Familie besuchen können. Hätten wir keine kleine Tochter würden wir vermutlich in Ramallah bleiben, aber wir freuen uns einfach schon sehr auf Zeit mit der Familie abseits eines Bildschirms.  

e/m: Vielen lieben Dank, dass Du Dir Zeit genommen hast. Expatmamas wünscht Dir und Deiner Familie alles Gute und eine tolle Zeit!

Möchtest du auch deine Geschichte erzählen? Dann freue ich mich, wenn du mir schreibst.

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