Expat-Leben: Spieglein, Spieglein an der Wand – wie lebt es sich in meinem Land?

Expat-Leben: Spieglein, Spieglein an der Wand - www.expatmamas.de - Heimatbesuch Oder: Wenn man die fremden Expats in der eigenen Wohnung besucht

Die ein oder andere von euch hat für die Expatjahre die eigene Wohnung oder das Haus untervermietet, vielleicht sogar die meisten Möbel in Deutschland gelassen. Ihr habt euch vielleicht gesagt: Das ist nur unnötiger Ballast, der den Schritt ins Ausland erschwert; es reist sich doch viel besser mit leichtem Gepäck. Genauso hat es auch Sina gemacht und es traf sich gut, dass für ihre Zeit in Mexiko eine mexikanische Familie nach Wolfsburg zog. Aber Sina hat nicht nur einfach ihr Zuhause abgetreten, sondern sie hat die neuen Bewohner bei ihrem ersten Heimaturlaub besucht. Nicht um sie zu kontrollieren, sondern aus Neugier auf die Menschen, die ihre vier Wände und eine Lebenserfahrung mit ihr teilen. Was sie von ihrem Besuch bei sich selbst zu berichten hat, lest ihr hier in ihrem Gastbeitrag.

Ein Gastbeitrag von Sina Willmann

Ich sitze am Schreibtisch, mein Blick geht aus dem Fenster. Es ist ein vertrauter Anblick. Bäume, Laubbäume in allen Variationen, grüne Wiesen mit Kaninchen und keine einzige Palme in Sicht.

Der Himmel ist bedeckt und die Luft frisch und kühl. Das muss Deutschland sein. Ja! Ich bin gerade in Wolfsburg, meiner Heimatstadt, zu Besuch. Die letzten elf Monate habe ich einen anderen Anblick genossen, jetzt genieße ich dennoch das Vertraute und Gewöhnliche. Ich gehe zu unserer Wohnung, die ich vor fast einem Jahr verlassen und geschlossen habe. Den Weg dorthin gehe ich ohne Gepäck und Koffer, ich werde dort nicht einziehen. Die Wohnung ist vermietet. Ich nehme diesen Weg, um den Mietern „Hallo“ zu sagen. Bisher waren wir uns fremd. Der Kontakt lief ausschließlich über E-Mails oder kurze Nachrichten.

Ich stehe vor meiner Haustür, der Finger geht zum Klingelknopf und ich sehe unsern Familiennamen dort stehen. Nichts hat sich geändert. Ich klingele „bei mir“.

Besuch bei mir

Mit Spannung stehe ich vor der Tür. Es dauert, bis sich die Tür öffnet. Mich empfängt eine Mexikanerin. Wenn ich es nicht wüsste, würde sie auch als Europäerin durchgehen. Eine zarte, freundliche und etwas schüchterne Señora begrüßt mich typisch Deutsch. Ihr volljähriger Sohn ist ebenfalls anwesend. Mit ihm komme ich schnell ins Gespräch. Doch nur kurz, er ist schon wieder auf dem Sprung und verlässt uns.
Da stehe ich nun, in meiner Wohnung. Mein Blick kreist umher. Ein komisches Gefühl. Die Wohnung ist möbliert vermietet, unsere Einrichtung steht wie beim Verlassen. Sie bietet mir einen Platz auf „meinem“ Sofa an, und wir beginnen zu erzählen.
„Du kannst mit mir Deutsch üben und sprechen“, biete ich ihr an. „Nein, ich lernen kein Deutsch“, kommt als Antwort. Ich bin überrascht. Wie funktioniert ein Leben abroad auf Dauer ohne Sprachkenntnisse?

Sie meint, sie ist zu alt. Mit fünfzig lernt sich eine neue Sprache nicht mehr so leicht. Sie mag es, daheim zu sein. Dort hat sie sich ihre neue, tägliche Routine eingerichtet. Das klappt gut. Der Kontakt zu Fremden ist selten. Im Alltag hat sie sprachliche Unterstützung von ihrer Familie. Sie ist ähnlich lang als Expat-Partnerin in Deutschland, wie ich in Mexiko. Für uns beide ist es der erste Umzug ins Ausland. Ich habe meine Erfahrungen in ihrer Heimat gemacht. Jetzt möchte ich wissen, was sie in Deutschland und Wolfsburg erlebt hat. Wir sitzen noch immer auf dem Sofa und ich aktiviere meine ganzen Spanisch-Kenntnisse, um so viel wie möglich von ihr zu erfahren.

Mein Blick schweift manchmal ab. Ich schaue mich in „meiner“ Wohnung um. Alles ist so, wie ich es verlassen habe. Die Bilder hängen an den Wänden und kein Blumentopf wurde verschoben. Kann man sich da heimisch fühlen? Geht mir durch den Kopf. Wie viel Eigenes ist nötig, um sich angekommen zu fühlen?

Es ist der Auftakt zu einem interkulturellen Austausch. Gebürtige Pueblanerin trifft auf gebürtige Wolfsburgerin

Wir gehen spazieren, ich zeige ihr meine Heimat und meine Lieblingsplätze. Dabei sprechen wir über Mexiko, über Deutschland, über die Unterschiede und über unser neues Leben. Ich will wissen, was ihr gefällt und was anders ist und natürlich vieles mehr.

Wie erlebt eine Mexikanerin Deutschland?

Was gefällt dir an Wolfsburg? – Es ist alles so ordentlich, die Straßen und Plätze sind sauber. Ich mag die Ordnung im Straßenverkehr. Alles ist ausgeschildert und Baustellen werden rechtzeitig gekennzeichnet. Die Stadt ist sehr grün und ruhig. Ich mag den Wald, so etwas kenne ich aus Mexiko nicht.

Sie mag den Wald, genau wie ich. Also gehen wir beim nächsten Mal im Wald spazieren. Ich will mehr wissen.

Was war deine schrecklichste Erfahrung in Wolfsburg?

Sie lacht. Weißt du, was richtig schlimm für mich war? Der Winter. Das war soooo kalt, das habe ich noch nie erlebt. Sie sagt, dass sie sehr schnell friert und auch in Mexiko sich immer warm angezogen hat.

Oh je, ist mein Gedanke. Sie hat sich schon in Mexiko warm angezogen, klar, dass sie hier Schwierigkeiten bekommt auch wenn der Winter sich noch nicht von seiner schlimmsten Seite gezeigt hat. Sie kannte das Gefühl von eingefroren Händen und Füßen bisher nicht. Das war für sie eine Erfahrung, die wahrscheinlich immer mit Deutschland verknüpft bleibt.

Wir überqueren die Straße und stellen fest, wie ruhig und geordnet der Verkehr ist.

Was vermisst du überhaupt nicht aus Mexiko? 

Die Toppe. – Jetzt muss ich lachen und bin gleichzeitig beruhigt, dass auch sie als Mexikanerin mit dieser ungewöhnlichen Erfindung nichts anfangen kann. Toppe sind Hügel, Huckel oder richtige dicke Buckel auf der Straße. Sie zwingen die Autofahrer, die Geschwindigkeit zu reduzieren. Je nach Größe und Höhe der Toppe kann nämlich auch schnell der Unterboden aufsetzen. Toppe gibt es überall und an jeder Ecke. Das gemeine daran ist, in der Dunkelheit oder in unbekannten Gegenden kann man schnell ein Toppe übersehen. Wenn man ungebremst über solch einen Buckel fährt, gibt es mindestens einen dicken Rums für alle Insassen. Wenn kein Schaden am Auto entstanden ist, kann man einmal laut „Danke“ sagen.

Wir reden über den Film „Guten Tag Ramon„. Sie hat den Film kurz vor ihrer Ausreise in Mexiko geschaut. Für mich war es der erste Kinofilm in Mexiko. Wer weiß, vielleicht saßen wir damals schon zusammen im Kinosaal und haben die Geschichte von Ramon mitgefühlt, der aus seiner abgeschiedenen mexikanischen Kleinstadt flieht, um in Deutschland nach der Tante eines Freundes zu suchen. Seine Reise führt ihn nach Wiesbaden, aber die Tante ist nicht aufzufinden. Überrascht vom kalten deutschen Winter, einsam und ohne Anlaufstelle, muss Ramon auf der Straße leben, bis er die einsame Rentnerin Ruth trifft, die ihn unterstützt. Jenseits aller Sprachbarrieren und kultureller Vorurteile entwickelt sich eine verblüffende Freundschaft zwischen Ramon und Ruth.

Und auch zwischen uns entwickelt sich eine Verbindung. Eine Verbindung, die stärker ist als der Altersunterschied, stärker als die unterschiedliche Lebensweise und uns auch die andere Herkunft vergessen lässt. Die Verbindung wird durch das Verständnis füreinander gehalten.

Expat-Leben: Spieglein, Spieglein - www.expatmamas.de - Gastbeitrag Sina WillmannSina Willmann lebte zwei Jahre in Puebla, Mexiko, und ist inzwischen in Ingolstadt zu Hause. Dort arbeitet sie weiter als Personal Trainerin. 

Dieser Text ist im Original erschienen unter: „So lebt mein Gegenpart: Als Expatpartnerin in Deutschland“ auf Sinas Blog „Ausland auf Zeit“.

Und wenn ihr selbst eine Erfahrungen teilen wollt, schreibt mir unter info@expatmamas.de. Ich freue mich!

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