Atlanta Tales

Rund ums Hochhaus braut sich was zusammen

Rund ums Hochhaus braut sich was zusammen - #expatinatlanta #covid19 #imauslandzuhause

Alles neu macht der Mai. Der Lockdown ist in Georgia aufgehoben. Rund ums Hochhaus ist es wieder laut geworden. Das „Biest“ läuft fast rund um die Uhr, die Monsterklima-Anlage des Steakhauses unterhalb unseres Schlafzimmerfensters. Nachts röhren die getunten Luxuskarren um den Block, deren eingebaute Fehlzündungen handfesten Explosionen gleichen. Zurück sind die Poser. Aber es sind eher meine Gedanken, die mich nicht schlafen lassen.

Geliebter Lockdown

Am Anfang des Lockdown legte sich die Stille wie eine Wattedecke ums Hochhaus. Einzig das morgendliche Knattern der Laubbläser war geblieben, ein fast trotziges „Business as usual“ . Ich war mir damals sicher: Wenn das Wummern und Brummen der Gebläse und Autos einmal wieder käme, würde ich erleichtert sein. Denn die Alltagsgeräusche würden vom Abflauen der Pandemie zeugen. So kann man sich täuschen.

Die Geräusche sind wieder da. Die Pandemie aber leider auch noch. In voller Blüte. Allein der Gouverneur hat beschlossen: Ein Monat Stillstand soll genug sein. Das Virus schert sich nicht. Die Fallzahlen klettern weiter und die Welt blickt auf Georgia, um dem Experiment zuzusehen: Was passiert, wenn man die Restriktionen mitten im Anstieg weitgehend wieder aufhebt?

Volle Restaurants, ungebetene Gäste

Rund ums Hochhaus sind die Restaurants wieder voll. Bis auf das eine, an dem die Namensschilder Anfang der Woche abgeschraubt wurden. Die Valet-Jungs flitzen wieder über die Parkplätze, um die bulligen Karossen auf kleinstem Raum zu verstauen.

Rund ums Hochhaus tauchen jetzt Obdachlose auf, die ihre Habseligkeiten unter blauen Plastikplanen stapeln oder in Einkaufswagen vor sich her schieben. Die Security scheucht sie weiter.

Nur die, die für ihr Essen zahlen können, sind hier willkommen.

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Leere Geschäfte, verwaiste Büros

Rund ums Hochhaus sind die Läden der Luxusboutiquen leergeräumt. Am Anfang waren es nur die Auslagen in den Fenstern, dann merkte man: Sie haben ALLES eingepackt. Leere Vitrinen, nackte Kleiderstangen und Regale. Ich habe die Edel-Boutiquen nicht vermisst. Die Leblosigkeit, die die leeren Geschäfte verbreiten, ist trotzdem beklemmend.

Abends wird sichtbar, dass nicht nur die Couturiers ausgezogen sind, sondern sich auch die Büroräume leeren. Im Hochhaus gegenüber fällt das Deckenlicht in ausgeräumte Zimmer, erst vereinzelte, inzwischen in kompletten Etagen. Kanzleien und Co haben vielleicht festgestellt, dass sie sich die Mieten sparen können, weil Home Office funktioniert. Das wäre der beste anzunehmende Fall.

In der obstersten Etage leuchtet ein blaues „Thank you“ für die Health Care Worker im Fenster.

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Symbole & Hinweisschilder

Wo die Politik fehlt, werden Gesten umso wichtiger. Am Himmel Flyover von Fliegerstaffeln.

Auf den Gehwegen Kreidebilder.

In den Gärten Danke-Schilder.

In den Grünanlagen auf Schritt und Tritt Hinweistafeln, aufgestellt vom – wohlgemerkt – privaten Parkbetreiber.

Wenigstens warm ums Herz, wenn die soziale Kälte im Land spürbar wird.

Von meinem Adlerhorst schau ich auf die Straßen runter, starre auf die Skyline, Zuschauer im 20. Stock, und führe den Lockdown still für mich fort. Ich weiß, dass es viele so machen, zumindest in meiner Expat-Blase, weil wir es für das Gebot der Stunde halten. Und weil wir es uns leisten können. Es fühlt sich nicht gut an.

Virus im Wahlkampf

Wir gehen freiwillig nicht shoppen und nicht ins Restaurant. Wir tragen beim Spazierengehen Masken und wechseln, wenn möglich die Straßenseite, um Abstand zu halten. Aber wir spüren, wie politisch aufgeladen die Pandemie-Bekämpfung ist. Im demokratisch regierten Atlanta sieht man viele Masken. Beim Sonntagsspaziergang außerhalb der Stadt, im republikanischen Kernland, so gut wie keine. Dafür fast böse Blicke und Menschen, die keinen Zentimeter auf dem schmalen Waldweg ausweichen.

Eine Umfrage von Associated Press ergab: 79 Prozent der Anhänger der Demokraten tragen beim Verlassen des Hauses eine Maske, gegenüber 59 Prozent der Republikaner. Man kann also neuerdings die Gesinnung schon am Gesicht ablesen.

Dabei geht es beim Maske tragen weniger darum, sich selbst, als primär Andere vor den eigenen Tröpfchen zu schützen. Nur wenn alle eine Maske tragen ist auch das eigene Infektionsrisiko geringer. Ich finde das so simpel wie einleuchtend. Maske tragen ist damit Ausdruck von Gemeinsinn. Genauso wie nette Schilder im Garten. Um die Krankenhäuser zu entlasten, helfen sie allerdings deutlich mehr.

Nur wann wird es diese Entlastung in Georgia geben?

Autor

Jonna Struwe, freiberufliche Autorin, Bloggerin und Gründerin von Expatmamas.de, dem Portal für Familien im Ausland

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