Fit for abroad

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Oder: Wenn Sie sich Notizen machen möchten, bitte Stift und Papier mitbringen

Die Firma des Mannes lud zum interkulturellen Training. Das wollte ich mir natürlich auf keinen Fall entgehen lassen. Denn wenn ich schon immer anmahne, dass Unternehmen auch an die Expat-Partner und Familien denken sollten, dann lasse ich mich natürlich nicht zweimal bitten, wenn an mich gedacht wird. Ich packe sogar Schreibzeug ein, wie in der Einladung erbeten, denn ich weiß: Expats sind teuer! Da will ich niemandem unnötig Kosten für Kuli und Block aufhalsen. Gut ausgerüstet – auch mit einer gesunden Portion Skepsis – reisten der Mann und ich also nach Bad Boll, um zwei Tage später festzustellen: Das war richtig gut! Und ich will euch erzählen, warum.

Fest steht: Ich war sicher nicht leicht zu begeistern; als Expat-Partnerin nicht, weil ich zum einen das Auslandsabenteuer mit allen Höhen und Tiefen schon hinter mir habe und zum anderen der neuen Entsendung des Mannes mit einigen Vorbehalten gegenüberstehe; und als Expatmamas-Gründerin erst recht nicht, weil ich mich jeden Tag mit Expat-Themen beschäftige. Was soll da schon Neues kommen? Und richtig: es kam nichts Neues, zumindest nicht in der Theorie zu Kulturschock und Co. Trotzdem hatte ich drei wichtige Erkenntnisse:

1. Gemeinsame Zeit ist Gold

Eigentlich hat man vor der Ausreise GAR KEINE Zeit, sich zwei Tage in ein Hotel zu setzen und über das Expatleben nachzudenken. Es gibt ja so viel zu tun – ein bisschen so wie bei dem Mann, der mit der stumpfen Axt den Baum fällt, weil er keine Zeit zum Schleifen hat.
Dabei übersieht man, dass es nicht reicht, abends vor dem Schlafengehen zu klären, wer was bis wann organisiert. Man muss sich zusammen auch mal Gedanken machen zu Fragen wie:

  • Was sind unsere Herausforderungen bei der Entsendung?
  • Wie können wir uns gegenseitig unterstützen?
  • Was brauchen wir voneinander?
  • Was können wir tun, um uns gesund zu halten?
  • Worüber müssten wir auch mal reden?

Idealerweise kommt dabei eine Partnervereinbarung heraus, auf die man sich in Gesprächen immer wieder beziehen kann. Soweit sind wir zwar nicht gekommen (wir haben uns in der Zeit verzettelt), aber immerhin sind die Referenzpunkte gesetzt. Man kann immer wieder anknüpfen: “Weißt du noch im Seminar…..”; man legt die gleichen Konzepte zu Grunde und spricht die gleiche Sprache. Jemand in unserer Gruppe nannte das: Synchronisation mit dem Partner. Das finde ich ganz treffend. 

2. Balance halten ist die Kunst

Es gab mal diesen wunderbaren Buchtitel von Richard David Precht: Wer bin ich und wenn ja, wie viele? Er klingt im ersten Moment so, als würde sich ein Kabarettist über einen Schizophrenen lustig machen. Im zweiten Moment ist klar: jeder hat verschiedene Rollen und es hilft mir, mir bewusst darüber zu sein, dass ich für jede Rolle eine besondere Verantwortung habe, dass in jeder Rolle andere Erwartungen an mich gestellt werden (oder ich an mich stelle) und dass die Rollen im Konflikt miteinander stehen können. Das Herausfordernde ist, zu erkennen, dass mit der Entsendung in jeder Rolle neue Themen dazu kommen. Das kann schnell zu viel werden. Übrigens sehr schön bildlich dargestellt von den Trainerinnen als Tablett mit Wasser-Gläsern.

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Mit der Entsendung kommt in jedes Glas noch ein Schluck oben drauf, bis man es kaum noch halten kann: Als Freundin musst du vielleicht regelmäßig schreiben, weil man von dir ein Lebenszeichen erwartet, als Mutter musst du jetzt Nachhilfe geben, als Hausfrau das Bedienmenü einer chinesischen Waschmaschine verstehen …. Zu erkennen, welche der Rollen gerade die innere Balance gefährdet, ist der Schlüssel, um nicht tatsächlich irre zu werden.

3. Austausch ist alles

Wie ich auch jeden Tag in der Expatmamas-Facebook-Gruppe und bei meinen Tea & Talk-Veranstaltungen feststelle: es ist so wichtig, sich mit anderen austauschen zu können über Hoffnungen, Erwartungen, Sorgen und Ängste. Unsere Seminar-Gruppe war bunt gemischt, was Alter, Aufgabe, Destination oder Familienkonstellation anging, trotzdem waren sich alle einig, dass es sehr wertvoll war, sich über die privaten Themen zu unterhalten und auch erste Kontakte zu knüpfen. Für die einen eine Email-Adresse, für die anderen ein WeChat-Kontakt und für alle dadurch ein bisschen Sicherheit: da ist schon mal eine/r, an die/den ich mich wenden kann. Das fühlt sich viel besser an, wenn man ins Unbekannte aufbricht. Eine kleine emotionale Rettungsleine.
Und für mich die Erkenntnis: weiter machen mit der Netzwerkarbeit und sie verfeinern, um euch noch mehr und bessere Gelegenheiten zu bieten, Antworten auf eure Fragen zu finden. Daher möchte ich jetzt ab und zu ein Tea & Talk-Spezial anbieten, das neben dem Netzwerken eben auch die Chance bietet, Themen zu vertiefen oder Einblicke zu Land & Leuten zu gewähren (wie demnächst in Stuttgart).

Neben dieser recht praxisnahen Erkenntnis für mein Expatmamas-Ich, ist der Gewinn für mein Expatpartner-Ich noch eher theoretisch. Noch verfolge ich aus sicherer Entfernung, wie der Mann seine Kulturschockphasen durchlebt (im Moment eindeutig “Honeymoon”, weil “Die sind alle soooo nett hier”) und wir teilen uns auch gerne die Seminar-Unterlage diesseits und jenseits des großen Teiches auf. (“Bitte nur ein Exemplar pro Paar!”) Ihr wisst schon: Expats sind teuer genug und wir hatten schon keinen Kuli bekommen.

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