Expat-Leben

Mama allein zu Haus

Mama allein zu Haus - www.expatmamas.de/blog/ #expatmamas #imauslandzuhause #beziehung

Für mich ging bisher jede Entsendung, sowohl die Ausreise als auch die Rückkehr, mit langen Monaten der Fernbeziehung einher. Alleinerziehend mit Mann – so heißt ein Buch und das passt als Titel auch zu meinem Expatleben. 

Entsendung Nummer 1 begann offiziell zwei Tage nach Geburt von Kind Nummer 1. Also für den Mann. Nicht für mich. Zwar nahm er sich zum Auftakt erstmal Urlaub, aber dann folgten vier lange, sehr lange Monate, in denen er von Montag bis Freitag schon in England arbeitete. 

Vier Monate waren nicht unbedingt geplant. Aber schneller ließ sich keine Bleibe finden auf der Insel. Und schneller konnte ich auch den Umzug nicht regeln zwischen Stillen und Wickeln. 

Nie wieder! hatte ich mir damals geschworen. Nur, um knapp vier Jahre später das gleiche Spiel zu spielen und die Schwierigkeitsstufe ein kleines bisschen anzuheben mit zwei Kindern und ein paar Wochen mehr. Wieder flog der Mann montags hin, freitags zurück, weil er zwar Arbeit, wir aber keine Wohnung hatten.

Bei Entsendung Nummer 2 kamen zwar keine Kinder mehr dazu, dafür ein paar Monate bei der Fernbeziehung oben drauf; 7 Monate jeweils vor der Ausreise und nach der Rückkehr war ich mit den Kindern allein. Nicht der Wohnraumfrage war diese Trennung geschuldet, sondern der Schule. Wir wollten nicht, dass die Teenager mitten im Schuljahr Land und Schulsystem wechseln. 

So wie es uns gegangen ist, geht es vielen Expatfamilien. Entsendungsverträge halten sich nicht an Schuljahreswechsel, Visa für die Familienmitglieder verzögern sich oder es findet sich keine Wohnung in der neuen Heimat oder daheim. Und ehe man es sich versieht, führt man plötzlich ein Familienleben über hunderte oder tausende Kilometer Entfernung; manchmal nur für ein paar Wochen, manchmal über Monate oder – wie jetzt durch die Pandemie – auch schon mal über ein Jahr hinweg.

Wie sich die Familiendynamik ändert

Ein Familienleben auf Distanz bleibt nicht ohne Folgen. Für keinen. 

Je nach Dauer der Trennung und Alter fangen die Kinder das Fremdeln an. So erklärte meine Tochter mit fast 4, als der Papa schon wieder in Deutschland arbeitete: „Papa ist mein liebster Besuch“.
Einerseits eine Liebeserklärung, andererseits auch eine Ausgrenzung. Der Papa ist eben Besuch.

Und eine andere Expatmama schrieb: 

„Zwischendurch war es schwierig für die Kinder, sich am Wochenende wieder auf den Papa einzulassen. Und die ganze Routine war natürlich erst mal wieder dahin.“

Entweder Papa darf auf einmal gar nichts mehr (nicht trösten, nicht vorlesen, nicht anziehen…) oder er soll alles machen. So oder so bleibt die Gleichverteilung auf der Strecke. 

Ich hatte oft das Gefühlt, der Ätzkram wie Impftermine unter der Woche blieb an mir kleben, und das Spaß-Programm am Wochenende (Zoo, Schwimmbad & Co) wurde mit Papa assoziiert.

Papa ante Portas

Andererseits fühlen sich die Väter abgehängt. 

Eine Expatmama bekennt:

„Die lange Abwesenheit hat meinen Mann innerfamiliär an den Rand gedrückt, die beiden Lütten und ich sind ein eingeschweißtes Team. Das hat er auch in den gemeinsamen letzten Jahren im Ausland nicht mehr aufholen können. Umgekehrt kann ich es nicht haben, wenn er sich “einmischt” – unfair, sind ja auch seine, aber ich mag es trotzdem nicht, wenn er dazwischenfunkt. Kommt zum Glück selten vor, da wir in Sachen Erziehung weitgehend übereinstimmen.“

Und gleichzeitig fühlt man sich als Mama oft erdrückt von der alleinigen Verantwortung.

Die ersten Wochen mit Säugling und Baby-unerfahren wie ich war, verfolgte mich die Horrorvision, das Kind könnte nächtelang brüllen und niemand wäre da, um es mir abzunehmen. Ich fühlte mich ausgeliefert und wütend gleichzeitig, denn so hatte ich mir den Start ins Familienleben nicht vorgestellt.

Hätte es mich getröstet, hätte ich von anderen gewusst, denen es ähnlich erging?

„Ich hatte viel mit Angst und Depressionen zu kämpfen, fühlte mich sehr allein und insbesondere das Gefühl, die ganze Verantwortung für den Zwerg alleine tragen zu müssen, erdrückte mich.“ 

So erzählt es eine Expatmama über ihre Fernbeziehungszeit mit Baby und ergänzt rückblickend:

„Im Nachhinein ärgere ich mich, dass ich nicht klarer kommuniziert habe, wie sehr ich darunter leide… und immer dachte: das ist normal oder muss eben so sein und andere Frauen haben es noch schwerer.“

Wie Expatmamas in die Relativierungsfalle tappen

Denn: „Natürlich sind wir ja nicht wirklich alleinerziehend.“
Und: „Klar, tragen wir die finanzielle Last auch nicht allein.“
Oder: „Selbstverständlich übernimmt der Partner Verantwortung, wenn er da ist.“
Auch gerne: „Es ist ja nur für eine begrenzte Zeit.“

Wenn wir nicht selbst gleich solche Sätze hinterherschieben, dann tun es spätestens diejenigen, denen man sein Herz ausschütten möchte. Alles richtig in der Theorie. Nur: geholfen ist damit niemandem. Im Gegenteil. Zur gefühlten Überforderung kommen auch noch Gewissensbisse, weil man sich gefälligst nicht überfordert zu fühlen hat.

Stichwort: Mental load

Ich habe selbst jüngst wieder gemerkt, wie schwer es ist, in diesen Familienzeiten auf Distanz, das Gewicht der Familienfürsorge auch nur ansatzweise gleichmäßig zu verteilen.

Ich bin so darauf gepolt, alles zu machen, dass ich beim Weihnachtsbesuch des Mannes es schlicht vergessen hatte, Verantwortung abzugeben. 

Für einen vollen Kühlschrank, für saubere Wäsche, fürs Abendessen, den Geburtstagskuchen fürs Kind, das rechtzeitige Einloggen für die online-Klavierstunde, die Hasen-Wärmepads am Abend… 

Gewiss, ich habe delegiert. Nur: man muss an Aufgaben denken, um sie zu delegieren. Der Mental Load ist dann trotzdem da, egal wie willig sich der Mann auch zeigt, Delegation anzunehmen. 

Wie Rollenklischees zementiert werden

Auch wenn der Mann seine Hemden vor der Abreise selber bügelt oder die Schulanmeldung im Gastland übernimmt, die Familienzeit auf Distanz zementiert Rollenklischees.

Das Expatleben an sich ist schon eine harte Nuss in Sachen Vereinbarkeit. Kommt dann noch eine Zeit der Familientrennung obendrauf, dann geht der Mama noch das letzte bisschen Entlastung flöten. Zumindest temporär. Und beide Partner müssen gewaltig aufpassen, dass nach dieser Phase die Familienaufgaben wieder gleichmäßiger verteilt werden, Mama entlastet und Papa wieder integriert wird.

Denn während familieninterne Verteilungskämpfe auch ohne einen Umzug ins Ausland zur Belastungsprobe werden können, kommt bei der Entsendung noch dazu, dass die um Monate zeitversetzte Ein- oder Ausreise der Familienmitglieder zu einem ungleichen Integrationswettlauf führen.

Wie die Integration als Familie leidet

Bevor man sich im neuen Land oder auch bei der Rückkehr in der alten Heimat richtig wohlfühlen kann, durchläuft jeder verschiedene Phasen der Eingewöhnung und Anpassung. Momente der Euphorie weichen Augenblicken der Niedergeschlagenheit, Abenteuerlust wechselt sich ab mit Heimweh bis sich irgendwann der neue Alltag normal anfühlt.

Diese Phasen sind von Mensch zu Mensch verschieden und laufen auch innerhalb einer Familie nie synchron. Wenn jedoch ein Familienmitglied den andern um Monate voraus ist in diesem Prozess, durch eine frühere Ausreise oder spätere Rückkehr, dann fallen Eingewöhnung und Anpassung der Familienmitglieder komplett auseinander.

Ein triviales Bespiel macht das deutlich:  Unser erster Familieneinkauf in UK.

Der Mann war nach vier Monaten in England und vielen Einkäufen mit saftigen Preisen schon in der Optimierungsphase fürs Alltägliche angekommen und schleppte mich in einen Discounter der unansehnlichen Sorte. 

Ich war noch in meiner skeptischen Eingewöhnungsphase, sehr verhalten den neuen Lebensumständen gegenüber und brauchte dringend positive Überraschungsmomente. Die lieblose Auslage hat mich völlig geschockt. 

Für ihn ging es um den Preis für Brot und Butter, für mich um’s Wohlfühlen. Der Krach war programmiert. Jeder durfte sich missverstanden fühlen.

Was also bleibt?

Damit also aus der temporären Trennung keine Dauer-Trennung für Expatfamilien wird, sollte man sich bewusst sein, was diese Zeit für die Rollenverteilung innerhalb der Familie bedeutet. Wo Mental-Load-Fallen lauern und Entfremdung droht. Und wie sehr diese Familien-Fernbeziehung den Prozess des Ankommens nachhaltig beeinflusst.

Und wie immer hoffe ich, dass dir die geteilten Erfahrungen den Weg in dieser Ausnahmezeit ein bisschen ebnen.

2 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

  1. Susann sagt:

    Liebe Joanna,

    Danke für deinen Beitrag. Schön die eigene Lebenssituationen so deutlich von jemanden anders beschrieben zu sehen, vorallem zusammen mit dem Forecast den du gibst.

    Ich bin seit 2 Wochen mit drei Kindern allein in Deutschland und mein Mann ist „schonmal vorgereist“ einmal um den halben Globus. Wie lange dieser Zustand anhält liegt ganz bei den Behörden, aber mindestens bis Schuljahresende.

    So richtig wissen wir nicht worauf wir uns da eingelassen haben. Mit dem Expatleben haben wir Erfahrung, aber mit dieser ungewissen, räumlichen Trennung überhaupt nicht. Deshalb hilft es mir gerade sehr deine Erfahrungen mit genau dieser Situation zu lesen.

    Überhaupt freue ich mich sehr über deinen Blog. Hier sind viele Themen die ich aus eigener Erfahrung kenne bzw. Vieles von dem ich weiß, dass ich es gerne vorher gewusst hätte. Wie in diesem Fall. Sehr hilfreich und eine ungemeine Unterstützung!

    Liebe Grüße Susann

    1. Jonna sagt:

      Liebe Susann,
      der richtige Text also zur richtigen Zeit. :-) Es freut mich, wenn du dich darin wiederfinden konntest, denn es ist immer schon eine große Erleichterung, sich nicht alleine in der Situation zu wissen, finde ich.
      Ich hoffe, dass du Unterstützung hast in dieser Familienzeit auf Distanz, und ich wünsche euch sehr, dass sich bis zu den Sommerferien alles regelt für euch, damit ihr nachreisen könnt und dann als Familie gemeinsam das Expatleben bestreitet.
      Vielen Dank auch für dein tolles Feedback zu meiner Arbeit. Es ist mir Ansporn, weiter zu machen.
      Herzliche Grüße
      Jonna

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